Das undurchsichtige System hinter dem „grünen Strom“ in Rechenzentren
Das deutsche Energieeffizienzgesetz wird überarbeitet. Die Regierung sollte die Vorschriften für Rechenzentren ändern. Aktuell können sie als „grün“ bezeichnet werden, selbst wenn sie vollständig durch Gaskraftwerke betrieben werden.

HKN. Nach deutschem Gesetz müssen Rechenzentren mindestens die Hälfte ihres Stroms aus erneuerbaren Quellen beziehen, ab 2027 sogar 100 Prozent (nach §11 (5)(2) des Energieeffizienzgesetzes). Doch es gibt eine Feinheit in dieser Vorschrift: Der Strom muss nur „bilanziell“ aus erneuerbaren Quellen stammen.
Um sich an das Gesetz zu halten und behaupten zu können, dass erneuerbarer Strom eingesetzt wird, ohne tatsächlich erneuerbaren Strom einzusetzen, verwenden Unternehmen sogenannte „Herkunftsnachweise“, kurz HKN. Das System wurde 2009 durch eine europäische Richtlinie eingeführt. Unternehmen, die Strom aus erneuerbaren Quellen produzieren, können Herkunftsnachweise an andere Unternehmen verkaufen. Wenn sie das tun, können ihre Kund*innen nicht mehr behaupten, grünen Strom zu benutzen, sondern müssen sich so verhalten, als ob ihre Energie aus fossilen Quellen stammt.
CO₂-Kompensation. Eine Freundin, die im Energiehandel arbeitet, beschreibt Herkunftsnachweise als „CO₂‑Kompensation für Unternehmen“, und zwar nicht im positiven Sinn. Tatsächlich schafft das System ein komplexes, virtuelles Rechnungswesen, bei dem Fakten nur eine sekundäre Rolle spielen.
Betrug ist dabei nicht unüblich. Kraftwerke in Island produzieren zum Beispiel Strom aus Wasserkraft und geothermischer Energie und verkauften Herkunftsnachweise an europäische Firmen – während sich die isländische Industrie weiterhin als „grün“ bezeichnete. Die Situation war so schlimm, dass die „Association of Issuing Bodies (AIB)“, die unabhängige Organisation zur Vergabe von Herkunftsnachweisen, Island den Verkauf von Herkunftsnachweisen zwischen April und November 2023 untersagte.
Annahmen. Möglicherweise noch besorgniserregender ist die Tatsache, dass das System mit der Annahme geschaffen wurde, die Nachfrage nach Herkunftsnachweisen würde dazu führen, dass Stromanbieter mehr in nachhaltige Energien investieren. Das war nicht der Fall. Der Preis eines HKN für eine Megawattstunde (was ungefähr dem Stromverbrauch eines Ein-Personen-Haushalts in Deutschland über sechs Monate entspricht) liegt aktuell bei einem Euro.
In seiner Doktorarbeit von 2022 fand Ákos Hamburger, der damals für die ungarische Stromregulierungsbehörde arbeitete, heraus, dass Herkunftsnachweise keinen Einfluss auf den Ausbau erneuerbarer Energien in Europa haben.
Unbehagen. Weltweit ist der Boom der Datenzentren verantwortlich für den Bau vieler neuer Kraftwerke, die mit fossilen Energieträgern betrieben werden. AlgorithmWatch und Global Energy Monitor haben herausgefunden, dass in Deutschland jedes zehnte Gaskraftwerk-Projekt mit einem Rechenzentrum in Zusammenhang steht. So planen beispielsweise die Rechenzentrenbetreiber CyrusOne und GreenMountain jeweils neue Projekte mit E.On (bei Frankfurt) und Innio (bei Mainz).
In seinem Nachhaltigkeitsbericht von 2025 behauptet CyrusOne, „bereits 100% erneuerbaren Strom in Europa erreicht“ zu haben. GreenMountain rühmt sich auf seiner Website mit „100% erneuerbarer Wasserkraft für alle unsere Rechenzentren“. Ich habe beide Unternehmen kontaktiert – keins von beiden hat geantwortet. Durch das System der Herkunftsnachweise lassen sich Rechenzentren wie diese als „grün“ bezeichnen, obwohl sie mit fossilen Brennstoffen aus Kraftwerken in der Umgebung betrieben werden.
Lösungen. Herkunftsnachweise sind in erster Linie keine Lösung, weil sie auf einem imaginären Rechnungswesen basieren. Stattdessen könnten Rechenzentrenbetreiber ihren Strom von Kraftwerken kaufen, die a) erneuerbare Energiequellen nutzen, die direkt in das deutsche Stromnetz eingespeist werden, b) zusätzlich gebaut und c) vierteljährlich überprüft werden, wie es Julian Bothe von AlgorithmWatch in einem Positionspapier letzten Monat vorschlug. Dieses Modell auf Basis von Stromabnahmeverträgen ist ausgereift. Der Rechenzentrenbetreiber CyrusOne benutzt es bereits extensiv.
Das deutsche Energieeffizienzgesetz erfährt aktuell eine Novelle. Die Regierung könnte ganz einfach den entsprechenden Paragraphen ändern: Durch die Löschung des Wortes „bilanziell“ in §11 (5)(2) würde, wie oben erwähnt, dem Greenwashing ein Ende bereitet und sichergestellt werden, dass Rechenzentren erneuerbare Energien verwenden, die auch tatsächlich verfügbar sind – und nicht nur auf dem Papier.
Dies ist ein Auszug aus dem Newsletter „Die automatisierte Gesellschaft“, einer zweiwöchentlichen Zusammenfassung von Neuigkeiten zu automatisierten Systemen in Europa. Hier abonnieren.
