Facebook demontiert CrowdTangle: Mehr Transparenz durch schlechteren Datenzugang?

Mit CrowdTangle können Akademiker*innen, Watchdog-Organisationen und Journalist*innen Desinformationen und andere problematische Inhalte auf der Plattform ausfindig machen. Facebook arbeitet daran, das Tool unbrauchbar zu machen, und handelt so gegen das eigene Versprechen, einen besseren Datenzugang zu gewährleisten.
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Jahrelang war CrowdTangle eines der besten Analysetools, um auf Facebook Trends nachzuspüren und populäre Desinformationen zu melden, die auf der Plattform zirkulieren. Forscher*innen auf der ganzen Welt haben davon Gebrauch gemacht, um die Verbreitung von irreführenden Behauptungen über Impfstoffe nachzuverfolgen, die Nachrichtenstrategie russischer Staatsmedien zu verstehen und die Effektivität von Facebooks Moderationsbemühungen zu beurteilen.

Die für Bloomberg schreibende Tech-Reporterin Davey Alba bestätigte im Juni, was Forscher*innen schon lange befürchtet hatten: Facebook entzieht CrowdTangle die Ressourcen und plant, es ganz einzustampfen, obwohl noch kein funktionierendes Nachfolgetool existiert.

Die Situation hat Forscher*innen aufgeschreckt, die für ihre Arbeit regelmäßig auf CrowdTangle zurückgreifen. „Wir sind nach und nach zu dem Punkt gelangt, an dem ich auf ein anderes Tool umsteigen würde, wenn es denn eins gäbe“, kommentiert Jordan Wildon, Senior Digital Research Manager am Institute for Strategic Dialogue (ISD).

Berichten zufolge akzeptiert Facebook seit Januar keine neuen Nutzungsanfragen für CrowdTangle mehr. Als Begründung führt es bestehende Personalengpässe an. Diejenigen, die das Tool weiterhin nutzen, berichten, dass es seit über einem Jahr kein Update mehr gegeben habe, es fehleranfällig sei und teilweise ganz zusammenbricht, da sich nur noch wenige Entwickler*innen darum kümmern.

Das Fehlen von CrowdTangle würde ein großes Schwarzes Loch in der Plattformforschung hinterlassen, sagt Wildon. Obwohl Facebook in der EU demnächst dazu verpflichtet ist, bessere Rahmenbedingungen für den Zugang zu Plattformdaten zu gewährleisten, lässt der Konzern durch seinen Umgang mit CrowdTangle Forscher*innen im Regen stehen. Der CrowdTangle-Mitbegründer und frühere CEO Brandon Silverman hat sich wie viele andere besorgt gezeigt, dass dies eine strategische Entscheidung von Facebook sein könnte, um Journalist*innen den Zugang zu den Plattformdaten zu versperren.

Maßnahmen gegen den Kontrollverlust

Das vielleicht bekannteste Beispiel für eine auf CrowdTangle beruhende Berichterstattung ist das Twitter-Konto @FacebooksTop10 des New York Times-Journalisten Kevin Roose. Er zeigt dort, dass ultra-rechte Kommentatoren in den USA auf Facebook mitunter diejenigen Inhalte produzieren, die am Tag der Veröffentlichung für die stärksten Interaktionen sorgen. Damit sind sie regelmäßig erfolgreicher als Mainstream-Medien.

Einflussreiche Facebook-Manager*innen sind nicht gerade glücklich über die öffentliche Wahrnehmung, dass die Plattform der Ultra-Rechten einen Resonanzraum bietet. Allerdings lassen sich die Erkenntnisse von Kevin Roose auch nicht so einfach aus der Welt schaffen, da sie auf Facebooks eigenen Daten beruhen. Die Entscheidung, CrowdTangle am langen Arm verhungern zu lassen, scheint eine Maßnahme zu sein, um die Kontrolle darüber wiederherzustellen, wie Facebook gesehen wird. Facebook setzt darauf, vereinzelt und gezielt Auskünfte zu geben, die die Plattform in einem besseren Licht erscheinen lassen, da sie nicht durch externe Forschungsinstanzen überprüft werden können.

Facebooks Umgang mit CrowdTangle ist typisch dafür, wie das Unternehmen auf unabhängige Forschung reagiert. Es hat bereits andere unabhängige Rechenschafts- und Transparenztools wie NYU Ad Observatory oder das Instagram-Projekt von AlgorithmWatch lahmgelegt. Damit solche Tools aussagekräftigt sind, werden Datenspenden benötigt, anhand derer Forschende und Journalist*innen die Funktionsmechanismen der Plattform untersuchen können. Das Instagram-Projekt von AlgorithmWatch zeigte zum Beispiel, dass Instagram Bilder mit nackter Haut priorisiert und so das Nutzverhalten lenkt und außerdem rechte Inhalte bevorzugt.

Wie im Fall von CrowdTangle mussten diese Projekte abgebrochen werden, als durch sie Dinge an die Öffentlichkeit zu gelangen drohten, die Facebook gern unter Verschluss hält. Regulierungen sollen nun dabei helfen, dieses Muster zu durchbrechen.

EU stellt neue Regeln für den Datenzugang auf, doch reicht das?

Berichten zufolge wollte Facebook CrowdTangle schon im Februar auf Eis legen. Da aber die Verhandlungen zum Digital Services Act (DSA) Fahrt aufnahmen, verzögerte sich dieser Prozess. Der DSA, der inzwischen vom EU-Parlament verabschiedet wurde, sieht eine umfangreiche Regulierung des Datenzugangs vor. Facebook und die anderen großen Social Media-Plattformen werden in Zukunft an diese Vorgaben gebunden sein.

Unter anderem sieht der DSA vor, dass die Plattformen Forschenden Zugang zu einer CrowdTangle-ähnlichen Schnittstelle gewähren müssen, durch die sie öffentlich zugängliche Daten durchsuchen und analysieren können. Diese Verpflichtung wurde im Code of Practice on Disinformation der EU erneut aufgenommen, den Facebook und die anderen Social Media-Konzerne im Juni unterzeichneten.

Die Plattformen müssen also bald dem Gesetz nach ein Forschungstool bereitstellen, das im Wesentlichen wie CrowdTangle funktioniert. Warum will Facebook CrowdTangle also jetzt loswerden?

Ein Grund dafür könnte sein, dass Journalist*innen vom Zugang auf Facebooks Daten ausgeschlossen werden sollen – und der so überschwänglich gepriesene Digital Services Act könnte der Türöffner für diese Strategie gewesen sein. Die darin festgehaltene Regelung sieht den Datenzugang ausschließlich für zugelassene Forscher*innen und zivilgesellschaftliche Organisationen vor.

Journalist*innen befürchten nun, dass sie außen vor gelassen werden.

„Wir sind sehr besorgt, da es für uns zum Überprüfen von Fakten gerade keine ähnlich nützliche und effektive Alternative gibt“, erklärt Sophie Nicholson, die stellvertretende Chefredakteurin der Faktencheck-Abteilung von Agence France-Presse (AFP).

Sophie Nicholsons internationales Team nutzt CrowdTangle dauernd, um Instagram und Facebook zu beobachten. Das Vorgehen des Unternehmens torpediert seine tägliche Arbeit: AFP kann nicht mehr wie bisher externe Journalist*innen darin ausbilden, das Tool für die digitale Recherche einzusetzen. Wenn es gänzlich verschwindet, könnte die jahrelange Erfahrung mit dem Rechercheinstrument plötzlich hinfällig werden.

Und jetzt?

Das Abwürgen der Ressourcen für CrowdTangle erhöht die Gefahr, dass das Tool noch instabiler wird, gerade wenn Großereignisse wie eine Wahl oder eine Krise die Rechenlast auf Facebook hochtreiben. Facebook scheint keinen Anlass dafür zu sehen, dieses Problem anzugehen.

Facebooks Presseabteilung erklärte, dass das Unternehmen gegenwärtig mögliche Lösungen diskutieren würde, wie seine Recherchetools „noch besser“ werden könnten. Nachfragen, wie es mit CrowdTangle weitergehen würde und ob Facebook weiterhin Journalist*innen Zugang zu seinen Daten gewähren wolle, wurden nicht beantwortet.

Wenn die Antworten auf solche Fragen weiterhin ausbleiben, könnten die Tage des wichtigsten journalistischen Tools zur Plattformrecherche gezählt sein. Das würde das hochgesteckte Ziel der EU untergraben, das Internet zu einem sichereren und transparenteren Ort zu machen.

Sollte den EU-Vertreter*innen wirklich daran gelegen sein, die Verbreitung von Desinformationen einzudämmen, müssen sie das DSA-Regelwerk durchsetzen und Facebook dazu bringen, seine Zusage zur Unterstützung von Plattformforschung einzuhalten. Sie müssen außerdem dafür sorgen, dass Journalist*innen nicht davon ausgeschlossen werden und in der öffentlichen Debatte über den Umgang mit den großen Plattformen weiterhin ihre Aufgabe als „Vierte Gewalt“ erfüllen können.

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John Albert (er/ihm)

Policy und Advocacy Manager

Photo: Julia Bornkessel, CC BY 4.0

Als Policy & Advocacy Manager beschäftigt sich John Albert bei AlgorithmWatch mit dem Bereich ADM und öffentliche Meinungsbildung, insbesondere mit Plattformregulierung und EU-Prozessen wie jenem zum Digital Services Act (DSA). John war bereits als Videojournalist und Dokumentarfilmer tätig. Er hat einen Masterabschluss in Public Policy von der Hertie School in Berlin und einen Masterabschluss in Journalismus von der Columbia University in New York.