KI und Nachhaltigkeit: Ein Index statt “Gerede und magisches Denken”

Das neue AlgorithmWatch-Projekt SustAIn hat ein ehrgeiziges Ziel: einen Nachhaltigkeitsindex für Künstliche Intelligenz zu entwickeln. Im Forschungsverbund mit dem Distributed AI Laboratory an der TU Berlin und dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung erarbeiten wir Kriterien, mit denen wir die Nachhaltigkeit von KI-basierten Anwendungen bewerten können. Projektmanager Jens Ohlig erzählt im Interview mit Mira Zimmermann mehr über das Projekt, seiner Liebe zu Daten und was passiert, wenn Hacker·innen auf Nachhaltigkeits-Expert·innen treffen.

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11. März 2021

#SUSTAIN

Auf deiner Website findet man ein interessantes Zitat: „I love data and data loves me back“. Was hat es damit auf sich?

Ich glaube, dass wir gerade in einer super spannenden Zeit leben. Früher musste ich in die Bibliothek gehen und mich durch verstaubte Bücher wälzen, wenn ich etwas lernen wollte. Heute ist immer mehr digitalisiert und wir können Wissen abfragen, von dessen Existenz wir zuvor gar nicht wussten. Das ist aufregend, denn es heißt, dass wir unsere Welt plötzlich ganz neu erfahren können, Verbindungen erkennen, wo wir sie vorher nicht gesehen haben, und neue Fragen entstehen. So geben uns Daten Liebe zurück.

Auch beim Projekt SustAIn geht darum, Wissen für die Gesellschaft zu schaffen. Was können Daten denn leisten, wenn es um Nachhaltigkeit geht?

Es gibt viel Gerede und magisches Denken über Künstliche Intelligenz, algorithmische Entscheidungssysteme und Nachhaltigkeit. Die Vorstellung, Probleme wie den Klimawandel mit einem Algorithmus zu lösen, halte ich für utopisch. Andererseits ist es klar, dass sich mit mehr Daten natürlich auch zum Beispiel effektivere Solaranlagen bauen lassen. Bei SustAIn werden wir uns darauf fokussieren, wie man die Themen konkret fassen kann. Dazu werden wir uns verschiedene Bereiche ansehen, darunter Mobilität, Energie und Online-Konsum.

Wir sind auch nicht die ersten, die darüber nachdenken. Vor ein paar Jahren gab es eine Veranstaltung, die hieß „Bits und Bäume“, wo Expert·innen aus der Hacker·innen-Szene und aus dem Umweltbereich aufeinandergetroffen sind. „Bits und Bäume” läuft in etwas anderer Form bis heute weiter. Solche Treffen von zwei Welten würde ich gerne mehr sehen, denn das ist genau das, was uns weiterbringt.

Wie schätzt du das Potenzial von sogenannter KI in Hinblick auf Nachhaltigkeitsziele ein?

Bei der Beziehung von KI und Nachhaltigkeit gibt es immer ein Hin und Her zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Die Hoffnung ist, dass ich, wenn ich ein tieferes datengetriebenes Verständnis von der Welt habe, auch zu besseren Lösungen komme. Da sind algorithmische Systeme wahrscheinlich sehr hilfreich. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, ob wir durch den Einsatz energieintensiver Rechenprozesse für die Lösung eines Problems im Endeffekt mehr Energie verbrauchen als wir sparen.

Ein naheliegendes Beispiel dafür, was wir bei SustAIn untersuchen, ist daher die Frage nach grüner Energie in Rechenzentren. Dass so riesige Stromverbraucher nachhaltige Energie beziehen sollten, hat man längst  verstanden und hier wird kontinuierlich verbessert. Was schwieriger abzuschätzen ist, sind soziale Aspekte, wie die Arbeitsbedingungen im Bereich des Click-Workings und der Gig Economy. Ebenso neugierig bin ich auf innovative Ideen zur energie-effizienteren Gestaltung von Software.

SustAIn läuft drei Jahre lang, in denen sich im Hinblick auf KI und Nachhaltigkeit bestimmt noch sehr viel verändern wird. Wie werdet ihr damit umgehen?

Manche Sachen werden auf jeden Fall gleich bleiben. Zum Beispiel, dass wir eine lebenswerte Welt erhalten möchten. Bei SustAIn berufen wir uns auf das Vorrangsmodell der Nachhaltigkeit, welches die drei Grundpfeiler, Ökologie, Soziales und Ökonomie gewichtet. Wirtschaftliche Entwicklung kann nur in einer sozial gerechten Gesellschaft stattfinden, und für beides ist der Klimaschutz eine notwendige Voraussetzung. Aber natürlich ist uns bei SustAIn klar, dass wir uns ständig an Veränderungen anpassen müssen und ich bin jetzt schon gespannt, über welche Fragen wir dann in einem Jahr sprechen werden.

Wie geht man so ein ambitioniertes Vorhaben an?

Wir sind ganz am Anfang und es ist wirklich gut, dass wir für das Projekt drei Jahre Zeit haben, denn es ist eines der dicksten Bretter, die man überhaupt bohren kann. Sich mit Algorithmen und ihren Auswirkung auf Gesellschaft zu beschäftigen, ist schon ein überwältigendes Menschheitsthema, und das machen wir bei AlgorithmWatch. Wenn man dann noch das Thema Nachhaltigkeit hinzunimmt, hat man schon ein bisschen Ehrfurcht vor dieser Aufgabe und fragt sich, zu welchen Lösungen wir kommen werden. Daher bin ich sehr froh, mit dem Distributed AI Laboratory an der TU Berlin und dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung starke Partner zu haben. Außerdem werden wir im Rahmen von Veranstaltungen und Workshops, den Sustainable AI Labs, Input von Expert·innen aus Wissenschaft und Praxis einholen. Im Verlauf des Projektes werden auch noch Entwickler·innen zu dem Team stoßen und die Forschungsergebnisse in Software umsetzen.

Und wie wird das Endprodukt von SustAIn aussehen?

Am Schluss wollen wir ein Angebot haben, in dem man nachschlagen kann, welche Auswirkungen eine KI-basierte Anwendung hat. Wie der Name des Projektes schon verrät, eben ein Index für die Nachhaltigkeit von KI. Das kann die Form einer Website mit sich verändernden Ladebalken und Zahlen annehmen oder auch die einer App. Ob wir an den Punkt kommen werden, den genauen Indexwert einer bestimmten Anwendung bestimmen zu können, weiß ich noch nicht. Erstmal werden wir uns Fallstudien ansehen und vielleicht bleibt es dabei, dass wir einfach grundlegende Rahmenbedingungen dafür definieren, was nachhaltige KI in der Zukunft sein kann.

Wer soll den Index benutzen?

Wir richten uns mit unserer Arbeit an mehrere Zielgruppen. Wir wollen Politikempfehlungen entwickeln und Argumente bieten, mit deren Hilfe die Politik entscheiden kann: Da müssen wir jetzt in die oder die Richtung steuern. Aber es geht nicht nur darum, die Entscheider·innen in der Politik zu beeinflussen, sondern auch um Leute, die einfach wissen wollen, wie die Welt funktioniert. Es soll am Schluss etwas sein, das für alle interessant ist.

Was hat dich überzeugt, bei dem Projekt mitzumachen?

Da kann ich nur wieder zum Anfang zurückkehren. Ich finde es wahnsinnig wichtig, solche dicken Bretter zu bohren und sich diesem existenziellen Menschheitsproblem zu stellen. Vielleicht ist es das Problem, das alle andern in den Hintergrund drängen wird. Wenn wir keinen lebenswerten Planeten mehr haben, müssen wir uns um andere Sachen auch keine Gedanken mehr machen. Insofern finde ich es wahnsinnig spannend, und gleichzeitig ist es eine Weiterentwicklung von dem, was ich schon seit Jahrzehnten mache. Nämlich zu versuchen, die Welt auf Grund der Daten zu verstehen, die da rumschwirren, und auf Grund des Wissens, das es in der Welt gibt.

Mehr zu dem Projekt:

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Jens Ohlig

Projektmanager

Jens Ohlig arbeitet bei AlgorithmWatch als Projektmanager für das Projekt SustAIn – Nachhaltigkeits-Index für Künstliche Intelligenz. Bevor er zu AlgorithmWatch kam, arbeitete er acht Jahre lang bei Wikimedia Deutschland im Projekt Wikidata an dem Aufbau einer freien Datenbank für die Summe des menschlichen Wissens. Davor war er als Software-Entwickler tätig. Mit dem Aufbau von Communities von Freiwilligen hat er sich im Rahmen von Hackspaces — offenen Räumen für Hackerinnen und Hacker sowie an Wissenschaft, Technologie oder digitaler Kunst Interessierten — beschäftigt und dazu geschrieben und Vorträge gehalten.

Mira Zimmermann

Praktikantin im Bereich Öffentlichkeitsarbeit (Januar - März 2021)

Mira studiert Kulturwissenschaften und Digitale Medien an der Leuphana Universität Lüneburg und war bei AlgorithmWatch als Praktikantin im Bereich Öffentlichkeitsarbeit tätig. In ihrem Studium beschäftigt sie sich u.a. mit gesellschaftlichen Diskriminierungsmechanismen und wie diese durch algorithmische Prozesse verstärkt werden. Im akademischen wie auch im privaten Kontext interessiert Mira die Frage nach der ethischen Verantwortung von Algorithmen, insbesondere mit Blick auf Konsumverhalten und Werbung im digitalen Kapitalismus. Ihr Wunsch, die gesellschaftlichen Auswirkungen von Algorithmen verständlich und sichtbar zu machen, hat sie zu AlgorithmWatch gebracht.