KI-Jesus: Was bleibt von Papst Franziskus’ Lehre?

In einer Kirche in Österreich war eine KI-generierte Ausstellung zu sehen. Dies entspricht nicht ganz den KI-Richtlinien des Vatikans.

Story

19. September 2025

#kirche

Ein Waschbär auf einem Bildschirm in einer Kirche.
Nicolas Kayser-Bril
Dr. Nicolas Kayser-Bril
Head of Journalism

Dummodo me ames. Letzten Monat war ich in Salzburg. Schöne Stadt, abgesehen von der Tendenz zur Monomanie, was klassische Komponisten angeht. In der Andräkirche am Mirabellplatz sah ich mir die Ausstellung „Dummodo me ames“ an (Lateinisch für „solange du mich liebst“). Der österreichische Künstler Philipp Timischl hatte mit den OpenAI-Tools Sora und ChatGPT dutzende KI‑generierte Kurzvideos geschaffen, in denen teils knuffige, teils seltsam verzerrte pelzige Tiere zu sehen waren (zum Beispiel der Waschbär im Bild oben).

Die Ausstellung sollte die Besucher*innen angeblich dazu bewegen, über den Schöpfungsakt nachzudenken und dabei Gottes Schöpfung mit der von generativer KI zu vergleichen. Timischl hat mir erzählt, dass die Reaktionen des Publikums insgesamt sehr positiv waren. Mir kam es eher so vor, dass die Videos vor allem zum Lachen anregten.

Der Künstler ist nicht gerade als Theologie-Experte bekannt. Ich glaube, dass er sich bei der ganzen Sache einen Scherz erlaubt hat. Zwar finde ich das Ganze ziemlich daneben, aber darum geht es hier nicht. Ich will lieber über die katholische Kirche unter Papst Franziskus sprechen, die uns über Technologie im Allgemeinen und KI im Besonderen einiges zu sagen hatte.

Antiqua et nova. Schon gleich nachdem er Papst geworden war, nutzte Franziskus Twitter und Instagram (er ließ aber die Finger von Facebook, das schon damals zu toxisch war). In der 2015 veröffentlichten Enzyklika Laudato Si, einem Schreiben an die Bischöfe, dachte er über die Risiken und möglichen Vorteile von Social Media nach. In der 2020 erschienenen Enzyklika Fratelli Tutti sagte er sogar, dass Social Media Kommunikation nur vorspiele.

Etwa zur gleichen Zeit fing er an, sich stärker mit Künstlicher Intelligenz zu beschäftigen. Die Academy for Life, der vatikanische Bioethik‑Thinktank, veröffentlichte im Februar 2020 den Rome Call for AI Ethics. In manchen Reden verriet Franziskus seine persönliche Überzeugung, dass die Funktionsweise von automatisierten Systemen nachvollziehbar sein müsse. Es mache die Nutzer*innen apathisch, wenn sie sich undurchsichtigen technischen Systemen überlassen. Ende 2024 veröffentlichte der Vatikan für den Stadtstaat verbindliche Leitlinien für die KI-Nutzung. Eine Zusammenfassung von Franziskus' Lehre zu KI ist die im Januar 2025 veröffentlichte Schrift Antiqua et nova (Lateinisch für „alt und neu“). Der Vatikan legt darin in sehr deutlich fest, wie KI am Arbeitsplatz, in der Medizin oder in der Kunst eingesetzt werden sollte.

Errare humanum est. Der auf KI spezialisierte Philosoph Steven Umbrello sagte mir, dass die Kirche Antiqua et nova gut aufgenommen habe. Große katholische Zeitschriften und Bistümer hätten die Schrift zustimmend erwähnt. Auf der Diözesanebene (also in den lokalen Kirchen) sei die Wirkung von Franziskus’ Leitlinien allerdings schwer zu beurteilen, räumte er ein. Es gebe nämlich keine Institution, die beobachtet, wie die Gläubigen KI nutzen.

Der in Salzburg ausgestellte Künstler Philipp Timischl sagte mir, dass er noch nie von KI-Richtlinien des Vatikans gehört habe. Aber obwohl der 2023 aufgetretene Trend zu KI-generierten Predigten nachgelassen hat, ist Dummodo me ames nicht der einzige fragwürdige Einsatz von KI in katholischen Einrichtungen. Letztes Jahr beherbergte die Peterskapelle in Luzern einen KI-Jesus, dem sich Besucher*innen in einem Beichtstuhl anvertrauen konnten. Die Organisatoren betonen, dass er keine Beichten abgenommen habe, Medienberichte behaupten etwas anderes. Ich vermute, dass auch Online-Dienste, die „virtuelle Priester mit fortgeschrittenen KI-Seelen“ anbieten, die päpstliche Lehre vernachlässigen. Irren ist schließlich menschlich.

Festina lente. Rom hat damit zu kämpfen, gute Texte in gute Taten umzusetzen – genauso wie Brüssel (bei der Durchsetzung der EU-Gesetze). Die Ethik-Forscher*innen Alexander Filipović von der Universität Wien und Anna Puzio von der Universität Twente haben mir aber erklärt, dass Antiqua et nova nicht als verbindliche Vorschrift verstanden werden sollte. Auch katholische Gläubige würden dem Papst nicht blind folgen, sei es bei KI-Fragen oder anderen Themen.

Franziskus hatte nicht im Sinn, auf die Schnelle vorzugeben, wie wir mit KI umgehen sollen. Wahrscheinlich wollte er wohl eher langfristig weltliche Entscheidungsträger beeinflussen. Papst Leo, der im Mai sein Amt antrat, knüpfte an Franziskus’ Lehre an, als er im Juni einen „ethischen Rahmen für die Regulierung von KI” forderte. Da einige große Namen aus dem Silicon Valley Nähe zum Katholizismus demonstrieren, etwa der US-Vizepräsident JD Vance oder der rechtsextreme Milliardär Peter Thiel, soll die Botschaft der Päpste vielleicht eher in Kalifornien ankommen und nicht in Salzburg.


Dies ist ein Auszug aus dem Newsletter „Die automatisierte Gesellschaft“, einer zweiwöchentlichen Zusammenfassung von Neuigkeiten zur automatisierten Systemen in Europa. Hier abonnieren.