Pressemitteilung
Googles KI-Übersichten zu Landtagswahlen: Intransparentes Informationsroulette kann Meinungsbildung beeinflussen
Google entscheidet, wann und wie eine KI-Übersicht in den Suchergebnissen erscheint. Wir haben für die Landtagswahlen im September untersucht, was das für die Meinungsbildung bedeuten kann.

Berlin, 01. September 2026 - Im September wählen Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin neue Landesparlamente - wobei viele Menschen erst kurzfristig entscheiden, wem sie ihre Stimme geben. Suchmaschinen wie Google können bei der Entscheidung unterstützen. Zu diesem Anlass hat AlgorithmWatch untersucht, wie Googles KI-Übersichten mit Fragen zu wahlbezogenen Inhalten umgehen. Das Ergebnis: Es ist unklar, wann KI-Übersichten angezeigt werden, die Vielfalt der herangezogenen Quellen ist begrenzt, und die Übersichten sind nicht neutral formuliert. Außerdem gibt Google keine Auskunft darüber, nach welchen Kriterien KI-Übersichten angezeigt werden.
Damit gestaltet der Konzern den Zugang zu politischen Inhalten augenscheinlich willkürlich. Ein solches Informationsroulette kann negative Auswirkungen auf die politische Meinungsbildung haben und damit zu einem Problem für die Demokratie werden.
Neue Studie zeigt: KI-Übersichten werden willkürlich ausgespielt, Quellenvielfalt ist begrenzt
AlgorithmWatch hat untersucht, zu welchen Themen und Fragestellungen Google KI-Übersichten anzeigt. Bei wahlbezogenen Fragen generiert Google deutlich seltener KI-Übersichten als bei unpolitischen Fragen. Aus Sicht von AlgorithmWatch deutet dies darauf hin, dass Google im Hintergrund besondere Maßnahmen für Wahlen ergreift, welche das genau sind, ist aber unklar. Generell ist keine Systematik erkennbar, nach der KI-Übersichten angezeigt werden oder nicht: So werden als Antwort auf Fragen nach Wahlumfragen keine KI-Übersichten angezeigt, während Fragen zu Parteien und einzelnen Kandidat*innen in rund der Hälfte der Fälle zu einer KI-Übersicht führen. Dieses Muster ist jedoch nicht einheitlich: Zur Spitzenkandidatin der Linken in Sachsen-Anhalt, Eva von Angern, wird kein einziges Mal eine KI-Übersicht angezeigt. Suchanfragen zu Sachsen-Anhalt generieren insgesamt weniger KI-Übersichten als Fragen zu Berlin und Mecklenburg-Vorpommern.
Auch die Vielfalt der Quellen, die Google für die KI-Übersichten heranzieht, ist begrenzt: Fast die Hälfte aller angezeigten Links führt lediglich zu zehn verschiedenen Websites. Bei Suchanfragen zu Kandidat*innen ist YouTube, das Google-eigene Videoportal, die meistzitierte Quelle. Unter den zehn am häufigsten referenzierten Websites identifiziert AlgorithmWatch zudem öffentlich-rechtliche Sender, Wikipedia, weitere Social-Media-Plattformen sowie Regierungs- und Partei-Websites.
AlgorithmWatch hat in der Untersuchung weiterhin festgestellt, dass politische Positionen der Kandidat*innen in den Google KI-Übersichten häufig nicht neutral, sondern mit positiven Formulierungen wiedergegeben werden. Dies liegt womöglich daran, dass generative Sprachmodelle zu Schmeichelei neigen (englisch „Sycophancy“, zu deutsch: „Sykophanz”), also die Meinung der Fragestellenden bestätigen. Im politischen Kontext ist dies nach Ansicht von AlgorithmWatch problematisch, da Wählende neutrale Informationen benötigen, um sich selbst ein Bild der Kandidierenden machen zu können.
Google weist Kritik zurück
Konfrontiert mit den Untersuchungsergebnissen äußert sich Google unverbindlich: „Unsere KI-Suchfunktionen zeigen qualitativ hochwertige Informationen aus einer vielfältigen Breite von Internet-Quellen an und basieren auf unseren zentralen Ranking- und Sicherheitssystemen. Die KI-Suchfunktionen sind so gestaltet, dass sie neutral und objektiv sind und, wie wir an anderer Stelle gesagt haben, erscheinen sie nicht bei jeder Suche”, schreibt ein Sprecher des Konzerns (Zitat aus dem Englischen übersetzt). Es bleibt unklar, welche konkreten Schritte Google zum Schutz der Integrität von Wahlen in Deutschland unternimmt.
Weitere Angaben, nach welchen Kriterien KI-Übersichten ausgegeben werden und nach welcher Systematik welche Quellen dazu herangezogen werden, macht das Unternehmen nicht. Die Kritik daran, eigene Angebote zu bevorzugen, weist Google zurück.
Clara Helming, Senior Policy Managerin bei AlgorithmWatch und Projektleiterin der Untersuchung, sieht das größte Risiko in der fehlenden Transparenz:
„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Google im Hintergrund bewusste Entscheidungen trifft, wann eine KI-Übersicht zu den Wahlen angezeigt wird, wie die Inhalte formuliert sind und welche Quellen zitiert werden. Allerdings macht das Unternehmen diese Entscheidungen nicht transparent. Das ist problematisch, denn Googles Produktentscheidungen beeinflussen wichtige Vorbedingungen der Meinungsbildung in der Demokratie: den Zugang zu verlässlichen Informationen und vielfältigen Quellen.”
Matthias Spielkamp, Geschäftsführer von AlgorithmWatch, ergänzt weitere Kritik am Vorgehen des Google-Konzerns:
„Google eignet sich für die KI-Übersichten massenhaft journalistische und andere Inhalte an, ohne um Erlaubnis zu fragen, was vermutlich rechtswidrig ist – die Verfahren dazu laufen. Der Konzern greift damit massiv die Finanzierungsmodelle privater journalistischer Medien und die Legitimität öffentlich-rechtlicher Angebote an. Dabei geht Google so vor wie immer: Das Unternehmen bietet keine Transparenz und versucht erneut, sich der Verantwortung dafür zu entziehen, welche Auswirkungen ihre Produkte auf die Gesellschaft haben. Als größte Suchmaschine mit einer kaum zu überschätzenden Macht über den Zugang zu Informationen muss Google daher dazu gezwungen werden, Rechenschaft abzulegen und Verantwortung zu übernehmen. Alle Anbieter generativer KI müssen transparent darüber informieren, wie KI-generierte Inhalte zustande kommen und sollten die Haftung für diese Inhalte übernehmen müssen.”
AlgorithmWatch fordert den Gesetzgeber zum Handeln auf:
- Die Bundesregierung sollte prüfen, ob und wie Google und andere Anbieter generativer KI für ihre Inhalte haftbar gemacht werden können oder müssen.
- Die Bundesregierung sollte sich auf europäischer Ebene dafür einsetzen, dass die bereits bestehenden Regeln des Digital Services Act besser durchgesetzt werden und die zuständige deutsche Aufsichtsbehörde, die Bundesnetzagentur, stärken. Dazu sollte sie die vorgesehenen Stellen zur Aufsicht von Onlinediensten im Haushalt 2027 budgetieren. Dies ist im aktuellen Entwurf nicht vorgesehen.
AlgorithmWatch analysiert seit 2023 große Sprachmodelle (Large Language Models, LLM) zu politischen Themen und fordert, die Regeln des Digital Services Act (DSA) entschlossener durchzusetzen, um systemische Risiken der Plattformen zu verringern - nicht zuletzt im Kontext demokratischer Wahlen. Dazu gehört auch, den Zugang zu Daten zu verbessern und Plattformen zu mehr Transparenz zu zwingen.
Zur Methodik:
Für die Untersuchung der Google KI-Übersichten anlässlich der Landtagswahlen im September 2026 hat AlgorithmWatch über einen Antrag nach Artikel 40 Absatz 12 des Digital Services Acts (DSA) Zugang zu Googles „Search Researcher Result“-Softwareschnittstelle erhalten. Über diese hat die Organisation 4.480 Suchanfragen zu den Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin gestellt, die Ergebnisse erfasst und die KI-Übersichten sowie deren Quellen ausgewertet.
Zum Hintergrund:
- Zur Untersuchung: https://algorithmwatch.org/de/google-ki-ubersichten-meinungsbildung/
- Untersuchung von AlgorithmWatch zu großen Sprachmodellen anlässlich der Landtagswahlen 2024: https://algorithmwatch.org/de/sprachmodelle_landtagswahlen/
- Untersuchung von AlgorithmWatch zu Microsofts Bing Chat anlässlich der Landtagswahlen2023: https://algorithmwatch.org/de/schlussbericht-microsoft-bing-chat/
- DSA-Beschwerde gegen Googles KI-Übersichten bei der Bundesnetzagentur: https://algorithmwatch.org/de/allianz-dsa-beschwerde-googles-ai-overviews/