Wie man sich gegen Rechenzentren wehrt: ein Leitfaden für lokale Initiativen in Europa

Die Anzahl von Rechenzentren nimmt weltweit zu. Gleichzeitig organisieren sich immer mehr Initiativen aus der lokalen Bevölkerung, um die negativen Auswirkungen dieser Anlagen auf ihre Region und ihren gigantischen Ressourcenverbrauch zu dokumentieren. Mit diesem Leitfaden haben wir Handlungsempfehlungen zusammengestellt, mit denen sich Menschen vor Ort informieren und möglichen negativen Auswirkungen geplanter Anlagen in ihrer Umgebung entgegenwirken können.

Abstrakte menschliche Figuren nehmen an einem Protest teil und halten Plakate hoch. Plakate zeigen Bildern und Sprüche gegen die Umweltschäden von KI oder der Tech-Industrie.
AlgorithmWatch 2025 CC BY 4.0

Rechenzentren sind die riesigen, lagerhausähnlichen Gebäude, die hinter der sogenannten „Cloud“ stehen. Sie sind mit Computern ausgestattet, auf denen riesige Mengen an Daten gespeichert und verarbeitet werden, unterstützt durch komplexe Kühlsysteme, die eine Überhitzung verhindern. Jedes Mal, wenn wir online eine Nachricht versenden, ein Video streamen oder generative KI nutzen, greifen wir auf eine dieser Anlagen zu.

Obwohl Rechenzentren schon seit Jahrzehnten existieren, haben Big-Tech-Unternehmen in den letzten Jahren den Bau großer Anlagen – in der Marketing-Sprache häufig als „Hyperscaler“ bezeichnet – dramatisch beschleunigt. Diese sind darauf ausgelegt, die Weiterentwicklung generativer KI zu unterstützen – von Bildgeneratoren bis hin zu großen Sprachmodellen (Large Language Models, LLM) für Chatbots wie ChatGPT. Solche Rechenzentren verbrauchen enorme Mengen an Strom: Eine einzelne Anlage kann so viel Energie verschlingen wie eine kleine Stadt.

Generative KI erfordert außergewöhnliche Rechenleistung und Speicherkapazität. Laut Schätzungen der Internationalen Energieagentur könnte der Energiebedarf für Rechenzentren bis 2030 den gesamten Stromverbrauch von Ländern wie Japan übersteigen. Um im „KI-Wettrüsten“ vorne mitzuspielen, erwerben Technologieunternehmen aggressiv Land- und Wasserrechte und sichern sich Energieverträge mit Versorgungsunternehmen.

Doch KI ist nicht der einzige Treiber. Rechenzentren werden auch ausgebaut, um der wachsenden Nachfrage nach Cloud-Diensten, Finanztransaktionen, Plattformen des öffentlichen Sektors und datenintensiven Systemen, die sowohl von Regierungen als auch von Unternehmen genutzt werden, gerecht zu werden. Viele dieser Systeme laufen ständig, erfordern eine groß angelegte Infrastruktur und unterliegen nur minimaler öffentlicher Kontrolle.

Wer profitiert – und wer zahlt?

Unternehmen schließen mit regionalen oder nationalen Regierungen oft direkt Vereinbarungen ab, sodass eine Konsultation auf lokaler Ebene gar nicht erst stattfindet. In Spanien beispielsweise berichtet die Aktivistin Aurora Gómez von Tu Nube Seca Mi Río („Deine Cloud trocknet meinen Fluss aus“), dass selbst lokale Bürgermeister*innen erst von neuen Rechenzentrumsprojekten erfahren haben, nachdem Absprachen auf regionaler Ebene getroffen und in der Presse verkündet worden waren.

Große Technologieunternehmen schließen oft hinter verschlossenen Türen Vereinbarungen mit regionalen Beamt*innen ab und bieten vage Versprechen von Arbeitsplätzen und Innovationen im Austausch für öffentliches Land, Steuervergünstigungen sowie Zugang zu Wasser und Elektrizität – Vereinbarungen, die in einer aktuellen Untersuchung der AlgorithmWatch-Stipendiat*innen im Rahmen des Fellowship-Programms „Algorithmic Accountability Reporting“ aufgedeckt wurden. Tech-Unternehmen haben die Schaffung von Tausenden von Arbeitsplätzen in einigen Regionen Rumäniens und der Niederlande in Aussicht gestellt. Doch in Wirklichkeit ist nur ein Viertel der Stellen tatsächlich entstanden.

Dies führt zu einem schleichenden Ausbau der industriellen Präsenz, der als digitaler Fortschritt vermarktet wird, aber mit minimaler Kontrolle und steigenden öffentlichen Kosten verbunden ist: „Typischerweise befinden sich Hyperscale-Rechenzentren in ländlichen Gebieten, in denen ein starkes Machtungleichgewicht herrscht“, erklärt Gómez. „Ein Teil dieser Ungleichheit ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass es sich um sehr arme Regionen mit hohen Arbeitslosenquoten und eingeschränktem Zugang zu Wasser handelt.“

Die Anreize für diese Expansion stammen jedoch in der Regel direkt aus den öffentlichen Budgets – also aus Mitteln, mit denen andernfalls Schulen, der Wohnungsbau oder die Infrastruktur zur Klimaanpassung finanziert werden könnten. Dennoch sind die betroffenen Anwohner*innen alles andere als machtlos. Weltweit fordern lokale Gruppen Transparenz, die Einhaltung von Umweltgrenzwerten und ein demokratisches Mitspracherecht bei der Planung von Infrastruktur.

Was Sie tun können, wenn in Ihrer Gemeinde ein Rechenzentrum geplant ist

Flächen- und Landnutzung überprüfen

Beginnen Sie mit der Karte. Sie können der Errichtung eines Rechenzentrums widersprechen, wenn es auf Ackerland, in einem Wohngebiet oder in der Nähe von geschützten Lebensräumen gebaut werden soll. Die Entscheidung von Amsterdam, die Errichtung neuer Anlagen auf Eis zu legen – und später auf bestimmte Gebiete zu beschränken – zeigt, wie Regeln zur Flächennutzung genutzt werden können, um den Bau falsch geplanter Rechenzentren zu verlangsamen oder eine Umgestaltung von Plänen anzuregen.

In den Niederlanden haben lokale Widerstände – darunter Landwirt*innen, die gegen Umweltschäden und die Auswirkungen auf Stickstoffgenehmigungen protestierten – erfolgreich Mega-Projekte wie das geplante Meta-Rechenzentrum in Zeewolde gestoppt.

Planungs- und Umweltdokumente anfordern

Die aufschlussreichsten Informationen sind häufig in Genehmigungen und Verträgen versteckt. Sie können nach Umweltverträglichkeitsprüfungen, Anträgen auf Netzanschluss, Wasserlizenzen sowie jeglichen Vereinbarungen über Subventionen oder Steueranreize suchen. Falls diese Dokumente nicht öffentlich zugänglich sind, können sie mithilfe von Informationsfreiheitsanfragen (IFG-Anfragen) Einsicht erlangen. Informieren Sie sich über die Transparenzgesetze in Ihrem Land bzw. Ihrer Region (hier finden Sie einen Leitfaden) oder konsultieren Sie zivilgesellschaftliche Organisationen und/oder Menschen mit rechtlicher Expertise.

Solche Dokumente können die Umweltauswirkungen eines Projekts offenbaren und aufzeigen, wo es hinter seinen Ansprüchen zurückbleibt. In Spanien etwa deckten Journalist*innen das volle Ausmaß des Wasser- und Stromverbrauchs von Amazon Web Services erst auf, nachdem sie sich ausgiebig mit den Planungs- und Genehmigungsunterlagen befasst hatten.

Lokale Beamt*innen einbeziehen und öffentliche Anhörungen fordern

Warten Sie nicht bis zum Baubeginn. Treffen Sie sich frühzeitig mit Vertreter*innen aus Rathaus, Gemeinderat oder dem Landkreis. Fragen Sie, wer was genehmigt hat, und bestehen Sie auf öffentliche Anhörungen. In Irland führten anhaltender Druck von politischen Initiativen sowie Expertenwarnungen über die Belastung des Stromnetzes zu einem Stopp neuer Rechenzentrumsanschlüsse in der Region Dublin, der mindestens bis 2028 dauern soll.

Auf lokaler und internationaler Ebene Kontakte knüpfen

Brachiale Vorhaben von Großkonzernen gehen am schnellsten vonstatten, wenn Menschen isoliert sind und sich gegenüber den Unternehmensriesen machtlos fühlen. Gründen Sie eine lokale Gruppe und nehmen Sie Kontakt zu benachbarten Regionen und nationalen Netzwerken auf. In ganz Europa tauschen sich Initiativen über Strategien, Rechtsmittel, Herausforderungen im Zusammenhang mit der Landnutzungsplanung und über gezielte Medienarbeit aus, um ihre kollektive Schlagkraft zu stärken und zu festigen.

Mit Expert*innen interagieren

Unabhängige Expert*innen aus den Bereichen Hydrologie, Energie, Umweltrecht und Stadtplanung können die Behauptungen der Unternehmen anhand harter Fakten überprüfen. In Frankfurt haben Gutachten im Rahmen von Umweltverträglichkeitsprüfungen die voraussichtlichen Vorteile großer Rechenzentrumscluster infrage gestellt. In Schweden haben Ingenieur*innen modelliert, wie Abwärme zur Reduktion von Emissionen wiederverwendet werden könnte. Durch das Hinzuziehen externer Fachleute können versteckte Kosten aufgedeckt, technische Mängel in Vorschlägen identifiziert und die Argumente einer lokalen Gemeinschaft für strengere Auflagen – oder sogar für eine vollständige Ablehnung – gestärkt werden.

Transparenz und Rechenschaft einfordern

Mit der Genehmigung ist der Kampf noch nicht vorbei. Selbst wenn bereits eine Genehmigung vorliegt, können Initiativen aus der Bevölkerung die Betreiber auffordern, offenzulegen, wie viel Wasser und Energie sie verbrauchen, wie umweltschädlich die (dieselbetriebenen) Notstromaggregate sind, welche Netz- oder Straßenausbauten erforderlich sind und welche Subventionen sie erhalten haben. Gemäß der aktualisierten EU-Energieeffizienzrichtlinie müssen Rechenzentren wichtige Leistungskennzahlen (Key Performance Indicators, KPI) einer zentralen Datenbank melden, und ein neues EU-weites System zur Nachhaltigkeitsbewertung soll den Vergleich dieser Zahlen erleichtern. Einige Unternehmen haben außerdem den freiwilligen Climate Neutral Data Center Pact unterzeichnet und sich damit zur Nutzung erneuerbarer Energien, zum verantwortungsvollen Umgang mit Wasser sowie zu Effizienzzielen verpflichtet. Solche Versprechen sind zwar bemerkenswert, werden aber erst dann wirklich Gewicht haben, wenn sie gesetzlich verankert sind.

Für politische Reformen eintreten, die den Bedürfnissen Ihrer Region entsprechen

Es besteht die Möglichkeit, Flächennutzungsreformen, Pläne für die Nutzung erneuerbarer Energien, Beschränkungen für den Wasserverbrauch sowie Schutzmaßnahmen für Versorgungsunternehmen durchzusetzen, um zu verhindern, dass die Anwohner*innen die Kosten tragen. Zum Beispiel müssen neue Rechenzentren ab 2027 laut dem deutschen Energieeffizienzgesetz Energiemanagementsysteme implementieren und ihren Strom zu 100 % aus erneuerbaren Energien beziehen – auch wenn diese Bestimmung nur bilanziell gilt und die Betreiber lediglich sicherstellen müssen, dass sie die gleiche Menge an erneuerbaren Energien einkaufen, wie das Rechenzentrum im Laufe eines Jahres verbraucht.

Der Energie-Thinktank Ember berichtet, dass herkömmliche Rechenzentren-Hubs bereits Netzengpässe erleben, was neue Anlagen dazu zwingt, in Regionen mit mehr Kapazität auszuweichen. Dadurch können lokale Gemeinschaften in Regionen wie Südeuropa oder den nordischen Ländern – die oft wegen günstiger erneuerbarer Energien ausgewählt werden – plötzlich ins Visier großer Rechenzentrumsprojekte geraten. Ohne starke lokale Politik drohen diesen Gebieten höhere Strompreise, eine erhöhte Netzbelastung sowie eine reduzierte Versorgungskapazität für Haushalte und andere Industrien. Dank der Verschärfung der Regeln erhalten Gemeinden nun mehr Kontrolle darüber, wie und wo diese Infrastruktur wächst.

Bessere Infrastruktur planen

Die lokale Bevölkerung könnte sich für eine digitale Infrastruktur einsetzen, die ihren Bedürfnissen dient, statt ihnen entgegenzuwirken. In Helsinki, Finnland, wird Abwärme von Servern in das Fernwärmenetz der Stadt eingespeist, wodurch die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen verringert wird. In Spanien zeigt die Genossenschaft Guifi.net, dass sich die Internet-Infrastruktur in lokalem Besitz befinden und demokratisch verwaltet werden kann. Kleinere, dezentrale, mit erneuerbaren Energien betriebene Anlagen können so gestaltet werden, dass sie die Grenzen und Prioritäten der Gemeinden, die sie bedienen, einhalten. In ganz Europa betonen Expert*innen und Aktivist*innen denselben Punkt: Projekte müssen innerhalb hydrologischer Grenzen, unter Berücksichtigung der Energiekapazitäten und im öffentlichen Interesse verwirklicht werden.

Ein Perspektivwechsel

Gegner*innen von Rechenzentren laufen Gefahr, als „technologiefeindlich“ dargestellt zu werden, was eine Kampagne behindern könnte. Doch ohne den aktuellen Hype um generative KI (GenAI) würden viele Rechenzentren nicht einmal existieren. Bei diesen Anlagen besteht das Risiko, dass sie überflüssig werden, sollte sich KI als weniger profitabel erweisen als erwartet. Zudem ist GenAI in vielerlei Hinsicht nach wie vor sehr begrenzt und muss ihren Nutzen erst noch beweisen. KI-Systeme funktionieren viel besser, wenn sie klein und spezialisiert sind – und erfordern zudem viel kleinere Rechenzentren. Earth Friendly Computation, ein Kollektiv von Fachleuten aus Wissenschaft und Technik, setzt sich genau für diese Art von Projekten ein.

Europäische Gruppen, die sich gegen die Auswirkungen von Rechenzentren zur Wehr setzen

In vielen europäischen Ländern finden sich bereits Organisationen, die sich gegen den Bau nicht nachhaltiger Rechenzentren in ihren jeweiligen Regionen einsetzen:

  1. Tu Nube Seca Mi Río (Spanien)
    Dieses auf die Region Aragonien fokussierte Kollektiv kämpft gegen Rechenzentren aufgrund ihres übermäßigen Wasserverbrauchs in dürregefährdeten Gebieten.

  2. La Quadrature du Net (Frankreich)
    Die in Marseille aktive Bürgerrechtsorganisation „La Quadrature du Net“ lehnt die Übernahme von städtischen Gebäuden durch Rechenzentren ab und argumentiert, dass die Energie stattdessen für den öffentlichen Verkehr oder die grüne Infrastruktur verwendet werden sollte.

  3. Red de Wieringermeer (Niederlande)
    Diese Gruppe setzt sich für die Erhaltung der traditionellen Landwirtschaft ein und hat eine Kampagne gegen den Bau riesiger Serverfarmen durch Microsoft in der Region gestartet. Ihr Ziel ist es, Ackerland und die Lebensgrundlagen der lokalen Bevölkerung zu schützen.

  4. Not Here Not Anywhere (NHNA) (Irland)
    NHNA stand an der Spitze der Bemühungen, neue Rechenzentrumsanschlüsse in der Region Dublin als Reaktion auf die steigende Belastung des Stromnetzes zu verhindern. Es wird davon ausgegangen, dass die von der Organisation durchgeführte Kampagne zur Verhängung eines temporären Moratoriums beigetragen hat.

  5. Beyond Fossil Fuels
    Jenseits einzelner Länder ist beispielsweise Beyond Fossil Fuels zu nennen. Das kontinentale Advocacy-Netzwerk hat erst kürzlich davor gewarnt, dass neue Rechenzentren die Ziele der Energiewende Europas untergraben könnten, da sie zu steigenden Treibhausgasemissionen sowie einer erhöhten Netzbelastung führen.

  6. Friends of the Earth Europe
    Auch viele Mitgliedsorganisationen von Friends of the Earth Europe (FoEE) sind gegen Rechenzentren aktiv. Insbesondere Friends of the Earth Ireland ist sehr aktiv gegen deren Ausbau. FoEE ist ein europaweites Netzwerk von Nichtregierungsorganisationen im Bereich Umweltschutz und in 33 Ländern aktiv. In Deutschland ist der BUND Mitglied. FoEE ist nicht ausschließlich auf Rechenzentren fokussiert, sondern engagiert sich auch für Ressourcengerechtigkeit und Umweltüberwachung, was die Organisation zu einem natürlichen Verbündeten im Widerstand gegen überdimensionierte Infrastruktur macht.

  7. Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)
    In Deutschland engagieren sich mehrere Landesverbände des BUND gegen lokale Rechenzentrumsprojekte, beispielsweise in Hessen/Frankfurt oder im Rheinland bei Köln.

Hinweis: In einer ersten Version des Textes hieß es, dass „der Energiebedarf für KI bis 2030 den gesamten Stromverbrauch von Ländern wie Japan übersteigen“ könne. Hier geht es aber um den Energiebedarf für Rechenzentren, was wir entsprechend angepasst haben. Darüber hinaus haben wir eine Stelle korrigiert, die sich auf das Energieeffizienzgesetz und seine Anforderungen bezieht.

Shauna Blackmon sie/ihr

Portrait Shauna
Bild: Shauna Blackmon

Shauna Blackmon ist Forscherin und Kommunikationsspezialistin und beschäftigt sich vor allem mit dem chaotischen, hoffnungsvollen Raum, in dem Technologie und Gerechtigkeit aufeinandertreffen. Sie hat mit Organisationen in ganz Europa zusammengearbeitet, um problematische Technologieverwendungen zu dokumentieren und unterstützt zivilgesellschaftliche Gruppen dabei, sich gegen Techno-Solutionismus und andere digitale Gefahren zu wehren. Darüber hinaus hat sie an der Erstellung des Automated Society-Newsletters mitgewirkt.