
Rechenzentrenausbau auf Kosten der Stromkunden? Das Energieproblem hinter dem KI-Hype
Während Europa die Vision verfolgt, ein KI-Kontinent zu werden, zeigt der Boom der KI-Infrastruktur in Deutschland schon jetzt die Grenzen von Energie und Infrastruktur. Und es bleibt die Frage: Welchen Preis zahlen Gesellschaft und Endkonsument*innen dafür?

Im allgemeinen FOMO, im KI-Wettstreit abgehängt zu werden, wird überall auf der Welt massiv Rechenleistung ausgebaut. Die Entwicklungen in den USA sind am drastischsten, aber auch in Europa treiben Unternehmen und Regierungen massiv den Ausbau neuer, großer Rechenzentren voran. Die EU hat angekündigt, hunderte von Milliarden Euro zu mobilisieren, „um Europa zu einem KI-Kontinent zu machen“. Konkret plant die Kommission den Ausbau von 13 mit Hochleistungsrechnern ausgestatteten „AI Factories“ bis Ende 2025. Außerdem will die EU in den Aufbau von mindestens fünf „AI Gigafactories“ investieren. In Europa gibt es zwar schon KI-Fabriken – aber die geplanten KI-Gigafabriken beschreiben eine neue Dimension: Mit etwa 100.000 hochmodernen KI-Chips sind sie viermal so groß. Das erklärte Ziel der EU: Die Kapazität der Rechenzentren in den nächsten fünf bis sieben Jahren mindestens zu verdreifachen.
Doch während die Branche selbst, aber auch die Politik weiterhin die Sorge schüren, dass nicht einmal die neuen Kapazitäten mit der Nachfrage Schritt halten könnten, stellt der Rechenzentren-Boom schon jetzt viele Regionen vor große Herausforderungen. Vor allem in den Hotspots, in denen die Zahl der Rechenzentren schnell zunimmt, steigt der Energieverbrauch sprunghaft an.
Deutschland ist schon heute das europäische Land mit den meisten Rechenzentren; DataCenterMap listet rund 490 Rechenzentren. Über 100 davon befinden sich allein im Raum Frankfurt am Main. Damit hat die Stadt die höchste Dichte an Rechenzentren im Land – und ökologische, soziale und ökonomische Effekte des massiven Ausbaus zeigen sich hier bereits. Netzanschlüsse sind in den nächsten Jahren nicht mehr zu haben, und auch sämtliche verfügbaren Flächen sind ausgebucht. Geht der KI-Boom ungebremst weiter, könnten sich die Probleme, die in Frankfurt auftauchen, auch in vielen anderen Städten und Regionen wiederholen. Und wer am Ende den Preis für den Ausbau von Rechenzentren zahlt, ist noch offen.
An konkrete Daten zu Rechenzentren zu kommen, ist nicht leicht. Die Branche ist extrem intransparent, und vor allem große, meist international agierende Unternehmen, die Daten in Deutschland verarbeiten und hosten, hüten sämtliche Zahlen wie Geschäftsgeheimnisse. Wir haben uns für diese Recherche mit Expert*innen und Brancheninsidern unterhalten und Pressemitteilungen und Studien durchforstet, um dennoch ein möglichst klares Bild der Dynamiken des Rechenzentrums-Markts in Frankfurt zu erhalten.
Seit 2010 haben sich die Kapazitäten von Rechenzentren und kleineren IT-Installationen in Deutschland mehr als verdoppelt – und der Markt soll weiter wachsen. Branchenverbände wie der Bitkom und die German Data Association (GDA) prognostizieren bis 2030 eine weitere Verdopplung der IT-Kapazitäten. Zudem ist ein Trend zu immer größeren Rechenzentren mit über 100 MW Leistung zu beobachten. Um ein Gefühl für die Dimension zu bekommen: Eine heute installierte Windkraftanlage hat eine Kapazität von 5 MW.
Damit haben Rechenzentren und kleinere IT-Installationen 2024 in Deutschland einen Anteil von ca. vier Prozent des Bruttostromverbrauchs. Bis zum Jahr 2037 könnte dieser Anteil bis auf zehn Prozent steigen, so die Bedarfsermittlung der Bundesnetzagentur.
Ist in Deutschland damit eine ähnliche Situation wie in den USA und anderen Hotspots zu befürchten? Auch wenn sowohl das Tempo des Ausbaus als auch die Dimensionen der Rechenzentren nicht mit den USA vergleichbar sind, zeigen sich massive Auswirkungen auf den Energiemarkt.
Das Frankfurter Stromnetz ist am Limit
In einigen Gebieten der Stadt stehen sie bereits dicht an dicht: 126 Rechenzentren haben sich laut Data Center Map hier angesiedelt. Weitere 12 sind nach Angaben der Stadt bereits genehmigt.
Angezogen werden sie vom DE-CIX, dem laut Betreiber größten Internetknoten der Welt. Der Knoten macht die Stadt besonders interessant für alle Anbieter von Rechenleistung und Speicherplatz, da Daten nahezu in Echtzeit übertragen werden können.
Auch weltweit gehört Frankfurt zu den Rechenzentrums-Hotspots und der Ausbau in der Stadt soll noch weitergehen, wie die GDA-Studie „Data Center Impact Report Deutschland 2024“ zeigt.
Damit sind die Rechenzentren mittlerweile der Hauptstromabnehmer in Frankfurt und beanspruchen bis 40 Prozent des gesamten Strombedarfs der Stadt für sich. Und die Energie vor Ort wird knapp.
In Frankfurt ist schon heute die Nachfrage höher als das verfügbare Leistungsangebot im Netzgebiet der Mainova-Tochter NRM. Noch immer steigen laut Mainova kurzfristige Anfragen von Rechenzentren-Betreibern nach großen Netzanschlusskapazitäten stark an, obwohl sie sich ohnehin schon auf einem hohen Niveau befinden. „Die NRM als zuständigen Verteilnetzbetreiber erreichen durchschnittlich 5 bis 10 qualifizierte Leistungsanfragen von Rechenzentrums-Betreibern pro Jahr“, gibt die Mainova Auskunft. Dabei würden die angefragten Anschlussleistungen zwischen 50 und 100 MW liegen, „mit vermutlich steigender Tendenz“. Doch erst einmal scheint in der Stadt am Main stromtechnisch nichts mehr zu gehen. „Vor 2030 haben neue größere Projekte eigentlich keine Chance auf einen Netzanschluss“, berichtet Kilian Wagner. Die Mainova gibt sogar einen noch längeren Zeitraum an: „Aktuell ist davon auszugehen, dass leistungsstarke Neuanschlüsse erst ab Mitte der 2030er-Jahre wieder möglich sein werden.“
Betroffen sind davon alle Unternehmen, die einen großen Stromnetzanschluss benötigen, da die Netzbetreiber alle Kunden gleich behandeln müssen. Die NRM als zuständiger Verteilnetzbetreiber setzt bei der Vergabe seit 2020 auf das sogenannte Pro-Rata-Verfahren. Das bedeutet, dass alle Antragsteller, die einen leistungsstarken Netzanschluss mit mehr als 3,5 MW benötigen, im Zuge eines Bewerbungsverfahrens ihren voraussichtlichen Leistungsbedarf beim Netzbetreiber anmelden müssen. Die verfügbaren Kapazitäten werden dann zum Ende des jährlichen Bewerbungsverfahrens auf die Antragsteller verteilt, nach eigenen Aussagen „transparent und diskriminierungsfrei“.
Faktisch haben sich aber die RZ-Betreiber schon heute sämtliche Stromkapazitäten, die irgendwie in Frankfurt zu kriegen sind, gesichert, so Max Kendl, Referent für Statdtentwicklung bei der IHK Frankfurt. Neuanmeldungen sind derzeit im Frankfurter Netzgebiet zwar grundsätzlich weiter möglich. Allerdings ließen sich weitere Kapazitäten erst mit langfristigem Vorlauf überhaupt umsetzen, so Mainova. „Die Situation ist insgesamt angespannt.“
Wie sich das auf andere Unternehmen auswirkt, ist unklar. Denn auch die anstehende Elektrifizierung der Mobilität, Industrie und Wärmeversorgung könnte die Nachfrage erhöhen. Sowohl die IHK Frankfurt als auch andere Wirtschaftsverbände der Stadt haben auf Nachfrage Beispiele genannt, in denen Elektrifizierungsprojekte aufgrund mangelnder Stromkapazitäten nicht umgesetzt werden konnten. Berlin hat genau aus diesem Grund das sogenannte Windhundverfahren bei der Vergabe der Netzanschlüsse im Jahr 2024 in ein mit Frankfurt vergleichbares Repartierungsverfahren geändert, um die Nachfrage auf das zur Verfügung stehende Angebot zu begrenzen. Nach Angaben der Bundesnetzagentur gibt es bisher aber keinen Konsens, das Verfahren auf das gesamte Bundesgebiet auszuweiten. Das heißt, dass in den meisten anderen Regionen Netzanschlüsse nach dem „first come, first served“-Prinzip vergeben werden.
Schon heute investiert Mainova/ NRM massiv in den Ausbau des Stromnetzes. Aktuell läuft nach Auskunft der Mainova eine erste Leistungssteigerung des Frankfurter Stromnetzes um mehr als die Hälfte. Zudem ist ein weiterer Ausbau des Stromnetzes vorgesehen. „Wir haben die Weichen für eine Verdopplung der verfügbaren Leistung im Vergleich zu heute im Laufe der 2030er-Jahre durch die Inbetriebnahme neuer Netzkoppelpunkte zum Übertragungsnetz gestellt“, so der Energieversorger. Außerdem installiert Mainova/NRM neben neuen Stromleitungen aller Spannungsebenen auch neue und modernisierte Umspannwerke. Damit soll insbesondere der Boden für neue Rechenzentren bereitet werden. „Mithilfe dieser ambitionierten Maßnahmen wollen wir ausreichende Netzkapazitäten beispielsweise für den Anschluss neuer Rechenzentren mit überdurchschnittlich hohen Leistungsbedarfen sicherstellen“, erklärt Mainova.
Werden die neuen RZ mit Gas betrieben?
Im Frankfurter Westside Campus steht FRA7, eines der vielen Rechenzentren des Colocation-Anbieters CyrusOne, das die Zukunft für andere Rechenzentren im Land vorwegnehmen könnte. Ende 2024 wurde von Lokalpolitiker*innen der Spatenstich für FRA7 gefeiert, das als Vorzeigeprojekt Nachhaltigkeit priorisieren sollte. Kaum ein Jahr später hat das Unternehmen eine Partnerschaft mit dem Energieversorger EON verkündet, um den weiteren Ausbau von 84 MW auf 126 MW aus gasbetriebenen Generatoren zu speisen – vermutlich, weil die zusätzliche Energiemenge nicht über das Stromnetz abgedeckt werden kann.
Dem Branchenverband Bitkom ist auf Nachfrage kein weiterer ähnlicher Fall in Deutschland bekannt, auch wenn sich die Branche durchaus intensiv mit dem Thema On-Site-Generation beschäftige, so Kilian Wagner, Bereichsleiter für nachhaltige digitale Infrastrukturen bei Bitkom. Marina Köhn, Wissenschaftlerin beim Umweltbundesamt, ist sich dagegen sicher: „Das ist kein Einzelfall, sondern kommt gerade im Raum Frankfurt häufig vor. Rechenzentren, die keinen Anschluss ans Stromnetz bekommen, bauen Stromerzeugungsanlagen neu, welche mit Erdgas als fossilem Brennstoff betrieben werden.“ Auch Pierre Terras, Corporate Programme Lead bei Beyond Fossil Fuels (BFF), geht davon aus, dass bei den Datenzentren in Frankfurt schon mehr Gas im Spiel ist. „Uns fehlen nur die öffentlichen Daten dazu.“ Und er berichtet, dass vor allem in den USA und Irland die neue Allianz von Rechenzentren mit der fossilen Gaslobby bereits gut dokumentiert ist.
Ist also keine Energie aus dem Stromnetz zu holen, scheint Gas die ideale Lösung. Der fossile Brennstoff ist flexibel einsetzbar und steht 24/7 zur Verfügung. „Da verbinden sich gerade zwei Gruppen, die bisher noch nicht so viel voneinander profitiert haben, jetzt aber Synergien sehen“, sagt Thomas Fricke, der als Sicherheitsarchitekt für Cloud-Technologien in kritischen Infrastrukturen arbeitet. Siemens Energy Deutschland verzeichnet aktuell auf jeden Fall Rekordeinnahmen mit dem Gasturbinenbusiness.
Argumentiert wird häufig, dass Gaskraftwerke mit Wasserstoff aus erneuerbaren Energien gespeist werden können, sobald dieser kostengünstig verfügbar ist. Viele Expert*innen gehen jedoch davon aus, dass dies in naher Zukunft nicht der Fall sein wird. Ein anderes Argument pro Gas ist, dass es netzentlastend sei, wenn Großverbraucher auf eigene Energiequellen zurückgreifen. „Doch wer auf Gas setzt, riskiert über kurz oder lang Preisexplosionen bei Verbraucher*innen und Importabhängigkeit“, so die Energieökonomin Claudia Kemfert. Außerdem würden dabei neben lokalen Auswirkungen wie Lärm und Feinstaub auch die daraus entstehenden CO2-Emissionen übersehen, die wir als gesamte Gesellschaft mittragen müssen, sagt Max Schulze, Gründer des unabhängigen Think Tanks SDI Alliance, der sich für eine nachhaltige digitale Infrastruktur engagiert.
Die Verfügbarkeit von Gas ist aktuell nicht das Bottleneck, so Siemens Energy auf Nachfrage. Und auch die dafür notwendigen Genehmigungen für Gaskraftwerke scheinen nicht schwer zu bekommen zu sein – auch nicht in einem eigentlich auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Industriepark, wie das Beispiel FRA7 zeigt. Tatsächlich gibt es bei der Genehmigung für einen Kraftwerksbau wohl keine klaren Zuständigkeiten. Auch wenn sie in Hessen in der Regel von den Regierungspräsidien erteilt wird, hänge die genaue Zuständigkeit vom Kraftwerkstyp und der Größe ab, sagt Mainova.
Der Einsatz von fossilem Gas ist eine Antwort der Rechenzentren auf Energieengpässe – neuerdings auch in Frankfurt. Diese Engpässe entstehen hier und in anderen Rechenzentren-Hotspots allerdings oft erst durch den hohen Energiebedarf der Branche.
In der Mainmetropole werden die Flächen knapp
Bereits heute sind viele Flächen in Frankfurt mit Rechenzentren besiedelt. Wer sich die Stadt von oben anschaut, kann leicht die Flachbauten erkennen, die in Ballungszentren wie in den Stadtteilen Seckbach und Sossenheim und entlang der Weissmüllerstraße und der Hanauer Landstraße entstanden sind. Betreiber wie CyrusOne, NTT oder Equinix stehen hier dicht an dicht.
Die Rechenzentren drängen sich damit in einem Stadtgebiet, in dem Flächen zunehmend knapper werden. Und sie brauchen viel Platz. Mit dem Aufkommen der sogenannten Hyperscale- beziehungsweise Cloud-Rechenzentren ist die Nachfrage nach Grundstücken mit einer Mindestgröße von vier Hektar deutlich angestiegen, wie die „Dokumentation zum Impulsforum Rechenzentren FrankfurtRheinMain“ bereits 2021 festhielt. Der große Flächenverbrauch entsteht dadurch, dass meist eingeschossig gebaut wird, da das sehr viel kostengünstiger ist.
Die benötigten Flächen liegen primär in Gewerbegebieten, die auch von anderen Gewerbebranchen in Anspruch genommen werden. Doch die meist international aufgestellten Rechenzentrums-Betreibern haben einen großen Vorteil: In der Konkurrenz um Flächen sind ihnen finanziell kaum Grenzen gesetzt, da die Kosten für die Flächen im Vergleich zur technischen Ausstattung kaum ins Gewicht fallen. „Die Rechenzentren-Branche kann teilweise ein Vielfaches der Bodenrichtwerte bezahlen; nahezu alle anderen Branchen und Gewerke werden bei diesem Preisniveau mitunter deutlich überboten“, bestätigt Oliver Reul, Pressesprecher bei der Wirtschaftsförderung Frankfurt.
Auch das Gutachten „Stand und Entwicklung des Rechenzentrumsstandorts Deutschland“ stellt fest, dass Rechenzentren stark bodenpreiswirksam sind und insbesondere für verarbeitendes Gewerbe, Handwerk und Industrie eine direkte Flächenkonkurrenz auslösen können. Speziell im dicht besiedelten Frankfurt, wo Rechenzentren mancherorts in unmittelbarer Nähe zu Wohngebieten stehen, kommen Konflikte mit Nachbar*innen hinzu, die unter den Emissionen und dem Lärm leiden.
„Lange Zeit konnte in Frankfurt einfach gebaut werden, wenn man im Besitz einer Fläche und eines Anschlusses war“, berichtet Max Kendl. Im Juni 2022 hat die Stadt allerdings ein Rechenzentrumskonzept beschlossen, dass die Flächenkonkurrenz zu anderen Nutzungen begrenzen soll. Seitdem ist der weitere Ausbau von Rechenleistung auf sieben Eignungsgebiete im Stadtgebiet limitiert. „Das sind Bereiche, in den RZ-Cluster bereits existieren, und die Industrieparks als Zwischenweg, wo sich unter Umständen noch RZ ansiedeln können. Ansonsten sind alle Gewerbe- und Industriegebiete im Stadtgebiet tabu“, so Kendl. Und er kritisiert, dass diese Flächen größtenteils gar nicht zur Verfügung stünden. „Als Eignungsgebiete sind 75 Hektar ausgewiesen, was die Stadt auch als Bedarf bis 2030 angesehen hat. Aber die Flächen stehen nicht leer. Das heißt, dass eigentlich nicht mehr so viel nachkommen kann an Rechenzentren“, sagt Kendl. Thomas Hickmann vom Stadtplanungsamt Frankfurt erläutert hingegen, dass das von der Stadtverordnetenversammlung beschlossene Gewerbeflächenentwicklungsprogramm als bedeutsame Abwägungsgrundlage bei der Aufstellung von Bebauungsplänen zu berücksichtigen sei, aber nicht verbindlich ist.
Ob damit also wirklich der Bau von Rechenzentren massiv begrenzt ist und die Verdrängungsprobleme gelöst sind, ist fraglich. Andere Nutzer*innen haben auf jeden Fall kaum eine Chance, ebenfalls an Flächen in den Eignungsgebieten zu gelangen. Sobald hier Flächen frei werden, greifen die Betreiber der Rechenzentren zu, beschreibt Kendl die Situation. Im Stadtteil Seckbach zeigen sich zum Beispiel sehr konkrete Verdrängungseffekte: „Das ist ein klassischer alter Industriestandort, der in den letzten Jahren massiv unter Druck stand durch Rechenzentren-Betreiber. Alles, was hier an Quadratmetern frei wurde, haben die aufgekauft, weil sie Preise zahlen können, wo kein anderes Gewerbeunternehmen mithalten kann.“
Warum entstehen Rechenzentren-Hotspots?
Die räumliche Konzentration von Rechenzentren und Datennetzen, wie etwa bei dem Internetknoten in Frankfurt, kann mit dem Phänomen der „data gravity“ erklärt werden. Gemeint ist damit, dass große Datenmengen eine „Anziehungskraft“ entwickeln, die weitere Daten anzieht. Ein Grund dafür ist, dass sich große Datenmengen nur noch mit erheblichem Aufwand verschieben lassen. Dazu kommt, dass viele Anwendungen geringe Latenzen erfordern, also eine schnelle Übertragung. Außerdem bauen große Cloud-Anbieter aus Gründen der Verfügbarkeit meist drei oder mehr Rechenzentren in einer Region auf. Sollte ein Rechenzentrum ausfallen, dienen die anderen als Backup.
Rechenzentren verlagern sich in andere Regionen
Nachdem es zunehmend schwerer wird, sich in direkter Nähe des DE-CIX anzusiedeln, sind Kommunen im Frankfurter Umland – wie in Hanau, Hattersheim, Offenbach oder Schwalbach – gefragte Standorte für Rechenzentren.
Dabei dehnt sich der Rechenzentren-Speckgürtel immer weiter aus. Im Juli 2025 wurden Details für ein Mega-Projekt in Nierstein bekannt. Das neue Rechenzentrum, das der Betreiber NTT dort ab 2026 baut, soll 480 MW Leistung haben. Umgerechnet entspricht das laut NTT dem Strombedarf von etwa 500.000 Haushalten.
Und auch andere Regionen werden zunehmend attraktiv. Erik Schöddert (RWE) bezeichnet zum Beispiel die Region zwischen Aachen, Bonn, Köln und Düsseldorf als eine der „spannendsten in Deutschland“. Dort, wo früher Kohle verstromt wurde, sollen nun leistungsfähige Digitalparks mit energieintensiven IT-Clustern entstehen. Zwei aktuelle Investitionsmeldungen verdeutlichen die Dynamik im Rheinischen Revier: Microsoft plant einen dritten Hyperscaler in Elsdorf und Kramer & Crew ein 15-MW-Rechenzentrum in Bedburg. Bedburgs Bürgermeister Sascha Solbach betont die Entschlossenheit der Region und versprach schnelle Genehmigungsverfahren. Unter dem Aspekt der „Data Gravity“ ist davon auszugehen, dass das Milliarden-Engagement von Microsoft im Rheinischen Revier erst der Anfang ist und auch in dieser Region die Rechenzentrumskapazitäten in Zukunft deutlich wachsen werden.
Auch die Hauptstadtregion entwickelt sich als neues Ausbaugebiet. Aktuell werden hier mehrere neue Großrechenzentren geplant.
„Man geht mittlerweile davon aus, dass sich das Wachstum von Rechenzentren in Deutschland dahin verlagern wird, wo noch Strom ist“, sagt Max Kendl. Und davon gibt es eigentlich überall in Deutschland noch genug, so Klaus Landefeld, Direktor für Infrastruktur und Netzwerke beim Internetwirtschaftsverband eco.
Daher werden auch Bundesländer, in denen viel Strom zur Verfügung steht, zunehmend attraktiv. Laut Max Schulze vom Think Tank SDI Alliance erhalten Kommunen in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern bereits 100 bis 200 Anfragen von Rechenzentrums-Betreibern – pro Monat.
In vielen dieser Regionen entstehen bereits die gleichen Probleme wie in der Mainmetropole. Auch in Berlin und Brandenburg als zweitgrößtem Rechenzentren-Hotspot trifft der Neu- und Ausbau mit dem zu erwartenden erheblichen Strombedarf der Rechenzentren auf einen ohnehin schon angespannten Energiemarkt. Aus Brandenburg kommen bereits erste Schlagzeilen, dass das Stromnetz nicht reicht. Immerhin, zu Netzinstabilitäten scheint der massive Ausbau in Deutschland bislang noch nicht zu führen. Denn sind in dieser Hinsicht Probleme absehbar, vergeben die Netzbetreiber im Zweifelsfall lieber doch keinen Netzanschluss an Rechenzentren.
Hier zeigt sich die Schwierigkeit, die langfristige Planung des Stromnetzausbaus, der nicht zuletzt für die Energiewende essenziell ist, mit kurzfristig angemeldeten Bedarfen von Großverbrauchern wie Rechenzentren in Einklang zu bringen, die zudem stark regional konzentriert sind. Zu diesem Schluss kommt auch das BMWI-Gutachten „Stand und Entwicklung des Rechenzentrumsstandorts Deutschland“ und stellt fest: „Unklar ist in diesem Zusammenhang auch, inwieweit die Netzentwicklungsplanung ungewisse Bedarfe von Unternehmen berücksichtigen sollte.“
Werden potenzielle Großverbraucher frühzeitig in die Stromnetzinfrastruktur eingeplant, ermöglicht das schnellere Netzanschlüsse und reduziert Verzögerungen bei der Systemtransformation, also bei der Energiewende. Dabei besteht allerdings das Risiko eines ineffizienten Netzausbaus. Wenn geplante Projekte entfallen oder nicht in der ursprünglich angegebenen Größenordnung umgesetzt werden, fließt viel Geld in „tote“ Infrastruktur.
Wer zahlt am Ende die Rechnung?
Die Strompreise in Deutschland setzen sich aus mehreren Bestandteilen zusammen. Dazu gehören vor allem der Großhandelspreis für Strom, der bundesweit einheitlich ist, und regional unterschiedliche Netzentgelte, die die Kosten für die Übertragung des Stroms vom Erzeuger zum Endverbraucher decken. Als große Verbraucher, die rund um die Uhr Strom beziehen, beeinflussen Rechenzentren beide Komponenten der Preisbildung, wenn auch auf unterschiedliche Weise.
Aktuell ist kein unmittelbarer Zusammenhang nachweisbar, dass Endkund*innen in Deutschland den Netzausbau für Rechenzentren mitfinanzieren. „Wir haben ja einen nationalen Strommarkt. Die Netzentgelte sind zwar regional unterschiedlich, aber in Hessen nicht höher als in anderen vergleichbaren Regionen“, sagt Ralph Hintemann, Senior Researcher am Borderstep Institut. Auswirkung auf den regionalen Strompreis für Verbraucher*innen seien also, falls es überhaupt welche gebe, „nur sehr indirekt und höchstens minimal“, so Hintemann. Dies belegt auch ein Blick auf die Stromkosten nach Bundesländern.
Zukünftig ist aber nicht ausgeschlossen, dass Endkund*innen höhere Netzentgelte zahlen – also die Gebühren dafür, dass der Strom von den Kraftwerken bis nach Hause kommt. Sie machen gut ein Viertel des Strompreises aus. „Das ist einfach der Mechanismus, dass der Netzausbau letztlich auf die Endkunden umgelegt wird“, so Jens Gröger, Senior Researcher am Öko-Institut. Deutlich sichtbar sei das etwa beim Windkraftausbau. In Mecklenburg-Vorpommern oder Schleswig Holstein müssten die Stromkund*innen mehr für den Netzausbau bezahlen als in Süddeutschland. Eine direkte Korrelation zwischen höhere Netzentgelten und Rechenzentren nachzuweisen, sei dagegen schwierig. Auch Kilian Wagner teilt die Perspektive: „In Frankfurt und ganz Deutschland gibt es bislang keine direkten Strompreissteigerungen durch Rechenzentren. Was wir aber sehen, sind wachsende Anschlussengpässe und steigende Netzausbaukosten, die perspektivisch über Netzentgelte wirken können.“
Höhere Strompreise an der Börse – die Rede ist hier von Spotmarktpreisen – sind ebenfalls nicht ganz ausgeschlossen, weil durch 24/7 arbeitende Datenzentren eine konstant höhere Abnahme des Stroms besteht. Das hält, vereinfacht ausgedrückt, die Nachfrage konstant und damit die Preise. Aber da spielten auch andere strommarktrelevante Aspekte mit, so dass sich nur schwer ein Zusammenhang herstellen lasse, so Klaus Landefeld vom eco-Verband.
Schon jetzt profitieren indes Rechenzentren – wie auch andere Großabnehmer – von günstigeren Bedingungen. „Rechenzentren gehören zu den Letztverbrauchern, die gemäß § 19 Abs. 2 Satz 2 Stromnetzentgeltverordnung ein individuelles Netzentgelt erhalten“, bestätigt Judith Henke, Pressesprecherin der Bundesnetzagentur. Wie viele dies anfragen und wie hoch die Vergünstigungen sind, darüber konnten wir keine Informationen erhalten.
Geht es nach dem Bitkom und der German Data Center Association, sollten Rechenzentren außerdem demnächst komplett von der Stromsteuer befreit werden und Industrietarife erhalten. „Im Umkehrschluss heißt das natürlich, dass jemand anders für den Netzausbau bezahlen muss“, so Gröger vom Öko-Institut.
Es bleibt also festzuhalten: Der Ausbau von Rechenzentren in Frankfurt und Deutschland erhöht den Druck auf den kostenintensiven Ausbau von Netzkapazitäten. Dabei ist für die Netzbetreiber der konkrete Bedarf aufgrund der hohen Dynamik der Branche schwer planbar. Da in kürzester Zeit mehr Rechenleistung zur Verfügung stehen soll, werden immer neue Rechenzentren gebaut oder bestehende erweitert. Unklar ist dabei, inwieweit sich das irgendwann auf höhere Preise für Endkund*innen auswirken wird. Außerdem ist fraglich, ob Regionen tatsächlich davon profitieren, wenn sich die großen Strom- und Flächenverbraucher vor Ort niederlassen. Arbeitsplätze und Steuereinnahmen sind jedenfalls weit weniger relevant, als Politik und Unternehmen kommunizieren, wie auch die SDI Alliance im Gutachten „Stand und Entwicklung des Rechenzentrumsstandorts Deutschland“ feststellt.
Was, wenn der KI-Hype auf Sand gebaut ist?
Was wir aktuell erleben, vergleicht Sasha Luccioni, Forscherin im Bereich künstliche Intelligenz und Leiterin für Klimafragen bei Hugging Face, mit einer „Massenhalluzination, bei der alle auf derselben Wellenlänge sind: dass wir mehr Rechenzentren brauchen, ohne wirklich zu hinterfragen, warum.“ Ähnlich schätzt auch Marina Köhn vom Umweltbundesamt die Situation ein: „Der Ausbau von Rechenzentren ist durch den aktuellen KI-Hype stark spekulationsgetrieben und leider nicht bedarfsorientiert.“
Auch Joe Tsai, Vorsitzender des E-Commerce-Riesen Alibaba, sah schon im März diesen Jahres die „Anfänge einer Art Blase“ auf dem Markt für Rechenzentren. OpenAI-Gründer Sam Altman schloss das jüngst ebenfalls nicht aus.
Grund dafür sind die immensen Kosten – sowohl in der Entwicklung als auch im Betrieb der Rechenzentren. Da Chips und andere Technologien sich ständig weiterentwickeln, verlieren Rechenzentren schnell an Wert. Bis 2029 prognostiziert OpenAI eine Cash-Burn-Rate, also ein Abschrumpfen der liquiden Mittel, von atemberaubenden 115 Milliarden Dollar. Das heißt nichts anderes, als dass ChatGPT auch mit hunderten Millionen Usern und vielen Abonnent*innen weiterhin ein riesiges Verlustgeschäft ist. Zudem gibt es bisher nur wenige Belege dafür, dass sich die Technologie wirklich auszahlt. Dies zeigt u. a. eine Analyse der Financial Times, für die Hunderte von Unternehmensunterlagen und Protokolle von Führungskräfte-Meetings der S&P-500-Unternehmen aus dem letzten Jahr ausgewertet wurden.
Daran schließt sich auch die Frage an, wie ausgelastet unsere Rechenzentren wirklich sind. Unter Brancheninsidern wird gemunkelt, dass längst nicht alle Flächen vermietet sind – oder lediglich als Backup für zukünftige Bedarfe reserviert wurden. Damit könnte der Bedarf an zusätzlicher Rechenleistung in der Realität viel geringer ausfallen als vermutet. Rückschlüsse könnte man aus dem Energieverbrauch der einzelnen Rechenzentren ziehen. Doch die Datenlage ist unbefriedigend. Auch wenn nach Angaben des Borderstep Instituts in Deutschland von 73 Prozent der Rechenzentren Informationen zum Energieverbrauch an das neue, eigentlich verbindliche Rechenzentren-Register übermittelt wurden, fehlen diese vor allem für die größeren Rechenzentren. Wird also schon längst mehr gebaut, als jemals gebraucht wird? Und was passiert, wenn die Blase platzt?
Wer nutzt die Rechenzentren in Deutschland?
Big Tech dominiert das Angebot von Cloud-Diensten und KI-Infrastruktur. Dienstleister wie Amazon Web Services, Google Cloud, Microsoft Azure und Baidu bauen nicht nur gigantische Hyperscaler, sondern sind meistens auch die Hauptkunden der neuen Rechenzentren, die größtenteils „für sie“ gebaut werden - auch wenn ihr Name nicht daraufsteht. Dies stellt auch die jüngste Greenpeace-Studie fest.
Dann könnten einige Investor*innen große Mengen an Geld verlieren. Big Tech wie Microsoft, Meta oder Google werden einen Crash mit ziemlicher Sicherheit überstehen, da ihre Geschäftsmodelle auf vielen Pfeilern stehen. Netzbetreiber – und damit letztlich auch Kommunen – könnten dagegen auf hektarweise toter Infrastruktur sitzenbleiben.
Außerdem könnte der dann nicht mehr benötigte, überdimensionierte Netzausbau zu erheblichen gestrandeten Vermögenswerten führen – es besteht die Gefahr, dass das investierte Kapital nicht durch Gewinne herausgeholt wird. Und dann ist die Frage, wer die Kosten dafür trägt. Für die erheblichen CO2-Emissionen, die schon unwiederbringlich in der Atmosphäre gelandet sind, ist diese Frage bereits beantwortet: Diese Kosten tragen wir alle.
Es ist also dringend nötig, den Neu- und Ausbau der digitalen Infrastruktur zu bändigen, um Endverbraucher*innen, Kommunen und das Klima zu schützen.
Diese Recherche wurde in Zusammenarbeit mit Tech Policy Press veröffentlicht und wurde aus Mitteln des „Investigative Journalism & Civil Society Collaboration Grants“ von EDRI, ECNL und Lighthouse Reports unterstützt.
Sarah-Indra Jungblut

Sarah-Indra Jungblut arbeitet als freie Redakteuerin in Berlin und hat sich schon früh auf die Schnittstelle Nachhaltigkeit und Digitalisierung fokussiert. Seit leitet u. a. die Redaktion von RESET.org, gestaltet Zukunftswerkstätten an Schulen zu den ökologischen und sozialen Auswirkungen der Digitalisierung und hat jüngst für AlgorithmWatch und Tech Policy Press zu Rechenzentren in Deutschland recherchiert.

