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Digital Future Science Match 2018

Selbstbestimmung in der Netzwerkgesellschaft

Übersetzung von Louisa Well

Selbstbestimmung in der Netzwerkgesellschaft ist ein Begriff der erklärt werden muss. Obwohl in der deutschen Debatte über Datenschutz und Privatsphäre wohlbekannt, ist seine Bedeutung weniger klar als es erscheinen mag. Grundsätzlich bezieht sich Selbstbestimmung auf die Idee der Autonomie, auf die Herrschaft über sich selbst.

Selbstbestimmung ist eine Grundsäule der Ethik bei Immanuel Kant und Voraussetzung für moralisches Handeln, um Verantwortung zuordnen zu können. Autonomie ist die Kapazität des Individuums, Kontrolle über das eigene Handeln zu haben. Selbstbestimmtes Handeln setzt voraus, Gründe für das eigene Verhalten angeben zu können und somit ein strukturell rationales Verhalten.  Überzeugungen, Gründe und Verhaltensweisen eines Menschen werden dabei auf ihre Kohärenz untereinander überprüft. Wenn ich behaupte ich sei Vegetarierin, aber Fleisch esse, obwohl mir vegetarische Optionen zur Verfügung stehen, verhalte ich mich nicht kohärent. Rationalität bezieht sich in diesem Fall nicht auf den Inhalt einer Überzeugung, sondern auf die prozedurale Rationalität, welche die Überzeugung mit den Handlungen verknüpft.

Autonomie hat jedoch weitere Voraussetzungen, da sie von externen Faktoren abhängig ist. Meine Autonomie existiert neben dem legitimen Recht auf Autonomie der anderen. Die Ausübung meines Menschenrechts auf Autonomie, beispielsweise Herrn X. heiraten zu wollen, besteht in Abhängigkeit zu dem Menschenrecht auf Autonomie von Herrn X.

Aber dieser Begriff von Autonomie und die Parameter der Autonomie können nicht ohne die Moralvorstellungen und Normen einer Gesellschaft existieren. Es mag paradox erscheinen, aber Fremdbestimmung, äußerlich aufgezwungenen Regeln und Prinzipien, setzten den Rahmen in dem ein selbstbestimmtes Individuum agieren kann. Sprache ist hierfür das Medium mit dem zwischen unserer Autonomie, der Autonomie der anderen und den gesellschaftlichen Regeln vermittelt wird.

Autonomie ist folglich ein relationales Konzept, welches nur in einer Gesellschaft bestehen kann. Die Fallenstellerin/Trapperin[1], die alleine wie eine Einsiedlerin in den Wäldern von Alaska lebt, hat keinen ethischen Konflikt mit anderen menschlichen Wesen. Sie braucht keine Sprache um zu kommunizieren, denn es gibt niemanden zum Reden. Sie kennt nur ihre eigenen Regeln. In dieser Welt gibt es keine Fremdbestimmung; keine Spannungen mit der Autonomie und dem Willen eines Gegenübers. Ihre eigene Rationalität oder die moralische Güte ihrer Regeln muss nicht überprüft werden. In dieser Welt verliert die Autonomie ihre Bedeutung. Der Begriff hat keine definitorischen Einschränkungen.

Also bedarf Autonomie der Fremdbestimmung und der Reibung mit der Autonomie der anderen.

In der Netzwerkgesellschaft wird informationelle Autonomie oder informationelle Selbstbestimmung als digitales Äquivalent genutzt:  das Recht, „unsere Daten“ zu verwalten, um die eigenen Präferenzen im Privaten und Öffentlichen selbstbestimmt im digitalen Raum zu gestalten.

Was heißt es also, meine Daten selbst zu verwalten? Was sind Daten? Und was sind „meine Daten“?

In der Netzwerkgesellschaft sind Daten die technische Seite von Kommunikation. Wenn wir im digitalen Raum kommunizieren, generieren und verarbeiten wir Daten. Diese Daten sind nicht „meine Daten“, es sind „Daten über mich“. Und das ist genau der Punkt, an dem der fundamentale Fehler im Konzept der informationellen Selbstbestimmung sichtbar wird.

Es gibt eine Verwechslung der Kategorien: Autonomie bezieht sich auf den Willen. Autonomie bezieht sich nicht darauf, die Kommunikation zu kontrollieren – das Medium, mit dem der Willen formuliert und vermittelt wird. Selbstbestimmung über Daten einzufordern, ist wie die alleinige Kontrolle über eine gesprochene Sprache für sich zu beanspruchen. Ich kann nicht allein die Herrschaft über die englische Sprache fordern, nur, weil ich sie benutze. Englisch gehört all ihren Sprecher*innen. Sie wird gemeinsam erschaffen.

In der digitalen Ära, durch die Übersetzung des Autonomiebegriffes mit dem Konzept informationeller Selbstbestimmung, wird just an dem Teil des Prozesses angesetzt, der den eigenen Willen mit dem sozialen Rahmen und dem Willen der anderen verhandelt. Somit wird die Dynamik der Autonomie in ihrem Kern gebrochen: Wir verbannen die Spannungen zwischen uns und dem Willen der anderen, wir öffnen Tür und Tor für moralischen Relativismus. Wir riskieren, eine Gesellschaft von einsamen Trappern/ Einsiedlern zu werden, in der verschiedene Willen nur noch kollidieren können. Lasst uns den Schleier der Technik lüften und den Menschen ins Zentrum stellen: Bei Autonomie geht es nicht um die Verwaltung von Daten, es geht darum, eine Balance zwischen dem eigenen Willen und dem der anderen und den Regeln der Gesellschaft zu finden, und zwar auf eine gerechte, ethische Art.

[1] Der Mann alleine in der Natur ist in Literatur und Film als Thema stark vertreten. Von Henry Thoreau’s Walden bis zu dem Film Into the Wild – der Mann geht seinen Weg im Wald, allein und unabhängig. Die Frau ist in der Gesellschaft, will ihn einschränken und zurückholen. In dieser stilisierten Erzählung wird ausgelassen, dass es schon immer auch Frauen gab, die sich in die Einsamkeit der Wildnis zurückgezogen haben. Der Pelzhandel des 19. Jahrhunderts wird oft als ein rein männliches Feld beschrieben. Es gab aber auch Trapperinnen, wie beispielsweise die im Titelbild gezeigte Kate Rice, die im 19./20. Jahrhundert in Kanada Mienen erschloss und als Trapperin lebte. Ein früheres Beispiel sind die christlich-asketischen Wüstenmütter, die im 4./5. Jahrhundert in der Ägyptischen Wüste lebten. Im Mittelalter war in die Einsamkeit zu gehen, ob als Geistliche oder als Kräuterfrau, einer von verschiedenen Wegen für Frauen, der Ehe zu entkommen und Kontrolle über den eigenen Körper zu erlangen. Auch heute gibt es moderne Einsiedlerinnen, die den Kontakt zu der Gesellschaft ganz aufgegeben haben.

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Posted by lorena

2 Comments

  1. Eberhard Schnebel 6. Oktober 2018 at 11:23

    Sehr starker Artikel, der vermutlich den richtigen Unterschied aufzeigt: Zwischen informeller Selbstbestimmung (Kontrolle über Daten) auf der einen Seite und Transparenz der Algorith-men (Balance zwischen Selbstbestimmung und den Regeln der Gesellschaft) auf der anderen Seite. Sehr starke Unterscheidung, die den gesellschaftlichen Umgang mit Digitalisierung und KI voranbringen kann.
    (Leider ist aber der Bezug auf Kant’sche “Autonomie” des Willens völliger Quatsch und schlicht falsch. Das führt den Leser und damit die Debatte unnötig auf eine falsche Fährte. Den Begriff “Autonomie” unbedingt vermeiden.)
    Eberhard Schnebel

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