Übergriffige Infrastruktur: In Europa breiten sich Rechenzentren aus

Rechenzentren sind Eckpfeiler der digitalen Ambitionen der EU, deshalb werden in ganz Europa immer mehr davon gebaut. Die Reaktionen der lokalen Bevölkerung fallen sehr unterschiedlich aus: An manchen Orten werden die Rechenzentren als Entwicklungsmotor betrachtet, woanders als Umweltsünde, die die Lebensqualität beeinträchtigt.

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24. Juli 2025 (Update: 25. Juli 2025)

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#nachhaltigkeit

Eine Illustration eines Berges, der einem Rechenzentrum ähnelt, und der betroffenen Gemeinde am Fuße des Berges.
Kevin Lucbert

Viele politische Entscheidungsträger*innen sehen Rechenzentren als Infrastruktur, die eine wesentliche Voraussetzung für digitale Souveränität, technologische Innovation und die globale Wettbewerbsfähigkeit ist. Rechenzentren in Europa sollen gewährleisten, dass der digitale Markt nicht vollständig amerikanischen und chinesischen Tech-Konzernen überlassen bleibt. Tech-Giganten wie Microsoft und Google wiederum brauchen Rechenzentren für ihre KI-Modelle und wollen ihren Ausbau beschleunigen. Auch neue Anbieter drängen auf den Markt, da die Gelegenheit günstig erscheint.

In Nordholland haben riesige, fensterlose Gebäude von Microsoft und Google die früheren Ackerlandschaften ersetzt. In Frankfurt, dem größten Ballungsraum für Rechenzentren in der EU, haben in den letzten zehn Jahren die monolithischen Blöcke kleine und mittlere Unternehmen verdrängt. In der Lombardei haben die Bauten im Zuge der ohnehin rasanten Verstädterung Grünräume weiter dezimiert. In Rumänien sind die Entwicklungen ähnlich, rufen aber kaum sozialen Widerstand hervor.

Die unterschiedlichen Reaktionen auf Rechenzentren haben weniger mit der Technologie selbst zu tun, sondern vielmehr damit, wie die Menschen davon betroffen sind. Die öffentliche Akzeptanz hängt davon ab, wie sehr die örtlichen Gemeinden direkte Auswirkungen spüren – sei es der Ressourcenverbrauch oder die Veränderung der Landschaft – und ob Behörden und Technologieunternehmen auf sie eingehen.

In Europa haben die Debatten um Rechenzentren gerade erst begonnen. Während die EU um ihre digitale Zukunft besorgt ist, offenbaren die Konflikte große Spannungen: Technologische Souveränität hängt nicht nur von Glasfaserkabeln und Servern ab, sondern auch von der Zustimmung und Teilhabe der Gemeinden, denen Rechenzentren vor die Tür gesetzt werden.

Hoffnung auf Wirtschaftswachstum und Innovation

Viele EU-Regionen sehen in Rechenzentren ein Tor zur digitalen Wirtschaft. Sie versprechen sich davon die Ansiedlung von Technologiezentren, Investitionen und attraktive Arbeitsplätze. Und natürlich auch höhere Steuereinnahmen.

Die in Aussicht gestellten wirtschaftlichen Vorteile für die lokalen Gemeinden bleiben meistens allerdings aus.

So war es auch in Mischii, einem Ort mit rund 1.800 Einwohner*innen im Süden Rumäniens. Die Region ist stark vom Niedergang der Industrie betroffen und war laut Eurostat 2023 in Rumänien das Gebiet mit dem zweithöchsten Armutsrisiko.

Das Rechenzentrum von ClusterPower wurde 2020 errichtet und von den lokalen Behörden begrüßt: „Wir sind unglaublich stolz darauf, einen Investor zu haben und die Menschen über das Rechenzentrum in Mischii sprechen zu hören. Das Unternehmen unterstützt unsere Gemeinschaft, indem es hier Steuern zahlt und seinen Hauptsitz hierhin verlegt hat“, erklärte der Bürgermeister von Mischii. Die tatsächlich der Gemeinde zugutekommenden Steuereinnahmen sind nicht dokumentiert.

Das rumänische Finanzministerium gewährte ClusterPower 17 Millionen Euro an staatlichen Beihilfen – fast die Hälfte der 36 Millionen Euro, die in das Projekt investiert wurden. Das Unternehmen hatte bloß 21 neue Arbeitsplätze in Mischii versprochen, konnte aber selbst diese sehr zurückhaltende Zielvorgabe nicht erfüllen. Der Abschlussbericht des Ministeriums vom Juni 2024 sprach von zehn Stellen. Im Jahr 2022 behauptete der Bürgermeister von Craiova, der siebtgrößten Stadt Rumäniens, und Abgeordneter in der Stadtvertretung der Kommune, dass ClusterPower rund 300 Stellen schaffen werde und viele Einwohner*innen von Craiova dadurch eine Anstellung finden würden. Diese Zahl steht im krassen Gegensatz zu den offiziellen Angaben des Finanzministeriums.

Von einer ähnlichen Hoffnung auf einen wirtschaftlichen Aufschwung war vor zwei Jahrzehnten die Region Nordholland in den Niederlanden erfüllt. Anfang der 2000er Jahre sah sich die Verwaltung der Landgemeinde Wieringermeer mit Arbeitslosigkeit, einer alternden Bevölkerung, Wohnungsnot und dem schleichenden Veröden des Gemeindelebens konfrontiert, da es die meisten jungen Leute nach Amsterdam zog.

Microsoft zeigte sich 2013 daran interessiert, im Gewerbegebiet Agriport A7 ein Rechenzentrum zu bauen. Dort gab es vor allem Gewächshäuser, aber auch eine logistische Anbindung an die Industrie. Für Microsoft waren es perfekte Voraussetzungen: günstiges Land, eine robuste Stromversorgung und vorhandene Hochgeschwindigkeit-Glasfaserverbindungen, eine optimale digitale Infrastruktur in unmittelbarer Nähe zur Amsterdamer Finanz- und Tech-Welt. Die lokale Verwaltung sah die Region schon wirtschaftlich gerettet.

Der Betrieb des Rechenzentrums startete 2015 offiziell. Nach mehreren Ausbauphasen dominieren inzwischen 13 massive Hauptgebäude und vier kleinere die Landschaft. Auch Google hat 2020 ein Rechenzentrum in Agriport A7 in Betrieb genommen.

Wie in Mischii erhoffte sich die Verwaltung in Nordholland durch Rechenzentren Steuereinnahmen. Nach Angaben von Robert Leever, einem Stadtrat für Wirtschaft und Einkommensverteilung, bringen die Einrichtungen der Gemeinde jährlich 1,75 Millionen Euro ein. „Dieser Betrag ergibt sich aus den Grundsteuern“, erklärt er. Dadurch könnten die von den Einwohner*innen zu zahlenden Steuern gesenkt werden. „Ein Nutzen ist also definitiv vorhanden. Er ist nur nicht ohne Weiteres sichtbar.“ Eine Anfrage nach Unterlagen, die diese Darstellung unterstützen, wurde von offizieller Seite abgelehnt.

Die Beschäftigungsentwicklung hat die Hoffnungen ebenso wenig erfüllt wie in Mischii. 2020 wurden zwischen 1.500 und 2.000 neue Vollzeit-Arbeitsplätze durch Rechenzentren veranschlagt. Tatsächlich geschaffen wurde ein Viertel davon: Anfang 2022 verzeichnete Nordholland 530 Vollzeit-Beschäftigte in den Rechenzentren von Google und Microsoft, rund 400 bei Microsoft (265 Angestellte des Unternehmens und zusätzlich 135 Beschäftigte von Sicherheitsfirmen) und 130 bei Google. Zum Vergleich: 2021 waren 2.450 Vollzeit-Beschäftigte in den Gewächshäusern von Agriport A7 tätig, fast das Fünffache der Rechenzentrum-Belegschaft.

An ländlichen Einschränkungen liegt es nicht

Die Betreiber von Rechenzentren konnten das Narrativ verbreiten, dass sie überall für wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand sorgen, nicht nur in wirtschaftlich gebeutelten Regionen wie in Rumänien und den Niederlanden, sondern auch in der Finanzhauptstadt der größten europäischen Volkswirtschaft: Frankfurt am Main.

Das Versprechen, dass Rechenzentren das Wirtschaftswachstum in Deutschland ankurbeln würden, scheint politische Entscheidungsträger auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene überzeugt zu haben – insbesondere in den letzten Jahren, da die Wirtschaft des Industrielandes in den letzten fünf Jahren nur um 0,1 Prozent gewachsen ist. Die Bundesregierung hat den deutschen Rückstand bei der Digitalisierung wiederholt als eine Hauptursache für das schleppende Wirtschaftswachstum bezeichnet. Mit Rechenzentren sind in Deutschland also zwei Hoffnungen verbunden: wirtschaftlicher Aufschwung und ein Digitalisierungsschub.

Stromverbrauch in Frankfurt
Infogram

2024 sind ausländische Direktinvestitionen in Höhe von 5,2 Milliarden US-Dollar nach Frankfurt geflossen − 4,4-mal mehr als in jede andere deutsche Stadt. Es handelt sich hauptsächlich um Investitionen in Rechenzentren. Ein Beamter der Stadt Frankfurt, der eng mit den Betreibern der Rechenzentren zusammenarbeitet, hat Zweifel daran, dass die Investitionen zu entsprechenden Steuereinnahmen oder neuen Arbeitsplätzen führen.

„Anders als herkömmliche Gebäude wie Lagerhallen, Fabriken oder Büros dienen Rechenzentren nicht der lokalen Wirtschaft. Sie sind Teil einer globalen Infrastruktur, deren Wertschöpfung meistens weit entfernt vom Standort der Gebäude stattfindet“, erklärt Max Schulze, der in einer vom deutschen Bundeswirtschaftsministerium in Auftrag gegebenen Studie den volkswirtschaftlichen Nutzen von Rechenzentren analysiert hat. Der größte Teil der Investitionen werde für die Beschaffung von Informations- und Kommunikationstechnik und den Bau der Gebäude aufgewendet, wovon die lokale Wirtschaft kaum etwas habe.

Das Geschäftsmodell von Rechenzentren unterscheidet sich wesentlich von dem der traditionellen deutschen Industrie, die in der Regel durch große Investitionen erhebliche wirtschaftliche Umsätze und Arbeitsplätze schafft. Viele Kommunen haben die falsche Vorstellung, dass Rechenzentren dieselben wirtschaftlichen Effekte wie solche Industrieprojekte haben.

Schulze hält auch ein weiteres zentrales Argument aus der Politik und Industrie für falsch: dass Rechenzentren die Digitalisierung in Deutschland beschleunigen würden. Es sei eine bloße Behauptung der Betreiber. Jemand, der in der Nähe eines der größten Rechenzentrum-Ballungsgebiete in Frankfurt lebt, fasst die Situation so zusammen: „Sie haben uns Arbeitsplätze, Innovationen und ein neues Zentrum der Digitalwirtschaft versprochen. Nach zehn Jahren ist hier noch immer kein Silicon Valley entstanden. Stattdessen haben wir nur Lärm und Beton.“

Ressourcenfresser und Preistreiber

Ein einziges großes Rechenzentrum kann so viel Strom verbrauchen wie eine Stadt mit 50.000 Einwohner*innen und benötigt Millionen Liter Wasser zur Kühlung. Da Rechenzentren viel Platz beanspruchen, werden sie oft in zuvor landwirtschaftlich genutzten Gebieten oder Naturlandschaften erbaut. Die lokalen Gemeinden verlieren so wichtige Ressourcen, während die Technologiekonzerne hohe Gewinne erzielen.

Deutschland hat als Standort den Vorteil, dass drei wichtige Ressourcen leichter zugänglich sind als in anderen Ländern: Wasser, Land und Strom. In der Industrienation ist eine effektive Ressourcenverteilung gesetzlich geregelt, was neuen Branchen wie Rechenzentren zugutekommt.

Die Stromversorgung von Rechenzentren ist allerdings ein heikles Thema. Nach Angaben des Klimadezernats der Stadt Frankfurt verbrauchten Rechenzentren 2022 rund 30 Prozent des gesamten Stroms. Ihr Stromverbrauch ist höher als der aller anderen Branchen zusammen.

Die NRM Netzdienste Rhein-Main GmbH, einer der beiden Frankfurter Stromversorger, hält die Situation für „insgesamt angespannt“. Die aktuelle Nachfrage übersteige das verfügbare Angebot in ihrem Frankfurter Netz „deutlich“.

Die Internationale Energieagentur berichtete, dass neue Rechenzentren in Deutschland über sieben Jahre auf einen Anschluss an das Stromnetz warten müssen, was weltweit zu den längsten Wartezeiten gehört. Béla Waldhauser, ein Frankfurter Branchenexperte, weist darauf hin, dass zusätzlich zur begrenzten Netzkapazität die deutsche Bürokratie die Wartezeit in Frankfurt nochmal um fünf bis zehn Jahre verlängern könnte.

Die Wirtschaftsförderung der Stadt Frankfurt weist darauf hin, dass die Netzinfrastruktur seit 2023 mit Investitionen im Umfang von über 750 Millionen Euro ausgebaut werde. Die Bundesregierung hat derweil in ihrem Koalitionsvertrag die Absicht geäußert, der stromhungrigen Branche Sonderstrompreise zu gewähren.

Das ClusterPower-Rechenzentrum in Mischii wurde durch eine Ausnahmegenehmigung von den gängigen Umweltauflagen befreit, obwohl sein enormer Ressourcenbedarf bekannt war. Das Unternehmen veranschlagte in einem technischen Memo zur Platzierung von Blockheizkraftwerken und Kältemaschinen einen jährlichen Wasserverbrauch von rund 50 Millionen Litern, die aus eigenen Brunnen gewonnen werden sollten. Diese Menge entspricht dem jährlichen Trinkwasserbedarf von etwa 70.000 Menschen, die täglich zwei Liter verbrauchen. Allein aus diesem Grund beurteilt Alin Tanase, eine Klima- und Energie-Expertin von Greenpeace Rumänien, die Entscheidung der Behörden kritisch, die Umweltauswirkungen dieses Projekts als vernachlässigbar einzustufen. Bislang bleibt lokaler Widerstand dennoch aus, was sich ändern könnte, sobald das Rechenzentrum vollständig in Betrieb ist.

Die Menschen in Wieringermeer haben bereits die Folgen des gewaltigen Wasserverbrauchs der Agriport-A7-Rechenzentren zu spüren bekommen − und Widerstand organisiert. Einem niederländischen Nachrichtenmagazin liegen interne Dokumente vor, die beweisen, wie sehr die örtlichen Behörden den Wasserbedarf der Microsoft-Rechenzentren unterschätzt haben. Für das Jahr 2019 prognostizierten sie einen Wasserbedarf von 525 Kubikmetern pro Stunde, was etwa 46 Millionen Litern pro Jahr entspricht. Anfang 2020 wurde in einer internen Mitteilung eingeräumt, dass diese Schätzung viel zu niedrig angesetzt war. Bei Effizienzsteigerungen durch zukünftige technologische Entwicklungen sei ein Verbrauch von fünf Millionen Kubikmetern jährlich möglich, aber es wäre sicherer, das Doppelte einzukalkulieren. Der Wasserbedarf könnte also bis zu 100 Millionen Liter jährlich betragen. In Frankfurt passierte ein ähnlicher Fehler bei der Prognostizierung des Strombedarfs.

In den Niederlanden protestierten nicht nur Anwohnende gegen das übermäßige Beanspruchen lokaler Ressourcen. Die niederländische Landwirtschafts- und Gartenbauorganisation LTO legte Anfang 2021 Einspruch dagegen ein, dass Microsoft ein zweites Rechenzentrum bauen durfte. Die LTO vertritt die landwirtschaftlichen Betriebe in der Region. Sie begründete ihren Einspruch damit, dass die lokalen Behörden Umweltgenehmigungen erteilten, ohne dass es klare Rahmenbedingungen für wichtige Faktoren wie den Wasserverbrauch gäbe. Trotzdem erhielt Microsoft zunächst eine vorübergehende Genehmigung für die Anlage, solange noch behördliche Fragen zu klären waren. Anschließend wurde eine vollständige Genehmigung ausgestellt.

2021 herrschte eine schwere Dürre in Nordholland und das Wasser wurde knapp. Das Microsoft-Rechenzentrum in Agriport A7 verbrauchte in diesem Jahr 84 Millionen Liter Wasser. Der ehemalige Stadtrat Fabian Zoon erklärt, dass den Menschen zwar untersagt werden könne, Wasser zur Bewässerung zu verwenden, aber Trinkwasser könne nicht einfach rationiert werden, so dass der Trinkwasserverbrauch von Rechenzentren nicht zu begrenzen sei. Er fand den Ressourcenverbrauch des Rechenzentrums deshalb problematisch. Die ehemalige Gemeinde- und Stadträtin Lilian Peters erklärt außerdem, dass die Bevölkerung Nordhollands eine Abgabe für die Wasseraufbereitung zahlen müsse und so für den Verbrauch der Rechenzentren aufkomme.

Nach wachsendem Druck verwendet Microsoft inzwischen mehr Regenwasser für die Kühlung der Rechenzentren. Das führt aber zu neuen Umweltproblemen: Durch die chemische Behandlung des Regenwassers entsteht Sole, eine sehr salzhaltige Lösung. 2023 forderte die Umweltorganisation Water Natuurlijk, den möglicherweise erhöhten Salzgehalt im Abwasser der Rechenzentren zu untersuchen. Die Behörden wiesen die Bedenken zurück und erklärten, dass das Abwasser in Gräben fließe, die nicht zur Süßwasserversorgung gehören, und von daher nicht zu einer Versalzung führen könne.

In Deutschland regelt die Baunutzungsverordnung (BauNVO) den Städtebau. Sie konnte möglicherweise Konflikte zwischen den Betreibern von Rechenzentren und örtlichen Gemeinden verhindern, indem sie Bedingungen für die Flächennutzung bei industriellen Infrastrukturen wie Rechenzentren festlegte. Die Stadt Frankfurt knüpfte 2022 daran an und beschränkte den Bau von Rechenzentren auf drei große Cluster in Frankfurt.

Anwohner*innen aus Seckbach (Frankfurt) und Mitglieder der Initiative „Wir Wohnen Hier“ beschreiben, wie der Bau von Rechenzentren ihren Stadtteil verändert hat.

Die Einwohner*innen von Seckbach konnten dieser Maßnahme nicht viel abgewinnen. Sie leben in einem gemischten Wohn- und Industriegebiet im Nordosten Frankfurts. Der Seckbacher Ingo Stürmer zeigt auf ein riesiges Rechenzentrum, das von seiner Haustür aus zu sehen ist, während er beschreibt, wie mittelständische Betriebe und Geschäfte genauso wie Grünflächen im Zuge des Rechenzentrumsbaus nach und nach verschwunden sind. Mit anderen gründete er die Bürgerinitiative „Wir Wohnen Hier“, um öffentlich gegen diese Entwicklung zu protestieren. Die Rechenzentren sind sonst weitgehend akzeptiert. Jens-Peter Feidner von Equinix, dem größten Rechenzentrumsbetreiber in der Region, erklärt dazu: „Erfüllen wir jeden Wunsch? Nein. Aber wir gehen über das hinaus, was das Gesetz vorschreibt.“ Ein Anwohner beschreibt das ungleiche Kräfteverhältnis so: „Wir haben kleine Siege errungen, ein paar Bäume, ein bisschen Grün an den Wänden. Aber ein Berg von Beton lässt sich nicht in ein Stück Natur verwandeln.“

Ländliche Gemeinden verlieren ihr Land an Big Tech

Rechenzentren verbrauchen nicht nur Trinkwasser und Strom von Gemeinden, sondern nehmen auch viel Land in Anspruch: in Italien eine Gesamtfläche von 333.341 Quadratmetern, was etwa 47 Fußballfeldern entspricht. Die Lombardei an der Grenze zur Schweiz leidet unter diesem Flächenverbrauch. Landwirtschafts- und Waldflächen gehen dort massiv durch städtische oder Industriebauten verloren. Neue Rechenzentren verschärfen das Problem.

Der Bodenkundler Roberto Comolli sieht durch diese unkontrollierte Entwicklung „lebenswichtige Ökosystemleistungen“ bedroht, da sie das Risiko von Hitze, Überschwemmungen und Erdrutschen erhöhe. Der Flächenverbrauch sei nicht auf nationaler Ebene geregelt, erklärt Professor Paolo Pileri vom Politecnico di Milano, deshalb seien hier die Regionen gefragt.

Die Lombardei hatte schon 2014 eine Initiative zum Bodenschutz gestartet, aber die Umsetzung hat erst ein Jahrzehnt später begonnen. Gemeinden sind nun verpflichtet, den Anteil der als bebaubar ausgewiesenen Flächen zu reduzieren. „Bebaubares Land wird immer knapper“, sagt Renato Bertoglio von der NGO Legambiente Pavia. Aber weiterhin peilen viele Rechenzentrumsprojekte Naturflächen an, oft in einem letzten Versuch, die neuen Beschränkungen zu umgehen.

Da einheitliche nationale Genehmigungsverfahren fehlen, haben lokale Behörden sehr viel Ermessensspielraum. Um diese Rechtslücke zu schließen, hat die Lombardei Richtlinien für den Bau von Rechenzentren erlassen. Sie sind allerdings nicht bindend und bei einem Verstoß erfolgen keine Strafen. In Italien kann eine Prüfung von Umwelt- und Gesundheitsauswirkungen von Projekten wie dem Bau von Rechenzentren verlangt werden. Dabei werden der Energie- und Wasserverbrauch oder die Flächennutzung bewertet.

Die Betreiber von Rechenzentren umgehen jedoch solche Verfahren, wie Paola Brambilla berichtet, die Vorsitzende des Unterausschusses für Umweltverträglichkeitsprüfungen. Sowohl das Umweltministerium als auch die regionalen Behörden der Lombardei fördern bei Bauprojekten die Neunutzung von Industriebrachen. Dennoch wollen die Rechenzentrumsbetreiber oft Naturflächen bebauen.

Durch die ungeklärten rechtlichen Bedingungen müssen die örtlichen Gemeinden oft in die Bresche springen, um Verantwortung für die Umwelt zu übernehmen. Üblicherweise wollen Unternehmen Grünräume nutzen, die Behörden erheben wegen der erwarteten wirtschaftlichen Vorteile keine Einwände dagegen und geben ihre ursprüngliche Position auf, die Anwohner*innen protestieren, um Grünräume zu schützen, und werden meistens ignoriert.

Bornasco ist eine Ortschaft mit 2.600 Einwohner*innen in der lombardischen Provinz Pavia. Microsoft baut dort gerade ein Rechenzentrum. Die lokale Verwaltung hat den Bau eines zweiten Zentrums in der Nähe der nur zwölf Quadratkilometer großen Stadt genehmigt. Der Projektträger Valtidone Logistic Development wollte 2024 dort auch ein Logistikzentrum errichten. Dieser Plan wurde abgelehnt. Das Unternehmen prüfte daraufhin, ob stattdessen der Bau eines Rechenzentrums ohne eine aufwendige Umweltverträglichkeitsprüfung möglich ist.

Gegner*innen des Projekts sagen, dass die Gegend bereits durch mehrere große Infrastrukturprojekte wie Rechen- und Logistikzentren zersiedelt sei und diese Entwicklung gestoppt werden müsse. Sie kritisieren das Fehlen gründlicher Prüfverfahren und das übereilte Erteilen von Genehmigungen angesichts der fortschreitenden Zerstörung von Naturlandschaften. Der Architekt Giovanni Zuntini erklärt, dass er zusammen mit anderen Einwohner*innen von Bornasco 18 Stellungnahmen zum Bebauungsplan abgegeben hätte, um auf Probleme aufmerksam zu machen.

Die Gemeinde genehmigte im März 2025 den Flächennutzungsplan für das Valtidone-Rechenzentrum und wies 17 der vorgebrachten Einwände zurück. Giovanni Zuntini meint, dass das Rechenzentrumsprojekt nur vage dargestellt wurde, um eine Umweltverträglichkeitsprüfung zu vermeiden. Immerhin habe Valtidone Logistic Development seine Pläne für ein Logistikzentrum aufgeben müssen, da dem Unternehmen so eine Prüfung drohte.

Die EU versucht es mit Transparenz

Angesichts dieser Entwicklung in ganz Europa hat die EU die Energieeffizienzrichtlinie (EED) erlassen, die den Energieverbrauch von Rechenzentren mit umfassenden Vorgaben zur Dokumentation transparent machen soll. Bei einer Leistung von mindestens 500 Kilowatt jährlich müssen die wichtigsten Kennzahlen offengelegt werden: der gesamte Energieverbrauch, Effizienzquoten, Betriebstemperaturen, die Abwärmenutzung, der Wasserverbrauch und der Einsatz erneuerbarer Energien.

Das Fehlen verbindlicher Nachhaltigkeitsziele lässt jedoch Zweifel an der Wirksamkeit der Richtlinie aufkommen, auch wenn Dokumentationspflichten die Umweltauswirkungen von Rechenzentren tatsächlich nachvollziehbarer machen. Der Klimapolitikexperte Kai Ebert bemängelt, dass ohne das Ziel einer allgemeinen Emissionsreduzierung die Rechenschaftspflicht für Rechenzentren nicht ausreichend sei.

Die Transparenzlücken sind weiterhin frappierend. Microsoft schwärzte mysteriöserweise 2024 in seinen Rechenzentrumsberichten wichtige Informationen wie den Verbrauch an erneuerbaren Energien, da sie „vertraulich“ seien − und ließ andere erforderliche Angaben wie den Wasserverbrauch und den Gesamtenergieverbrauch einfach weg.

Vorhandene Vorschriften werden nicht durchgesetzt. Andrew van der Haar von der niederländischen Data Center Association verrät, dass Regulierungsbehörden ziemlich nachsichtig sind: In den ersten drei Jahren würden sie keine Strafen verhängen.

2023 erließ die Ampelregierung das Energieeffizienzgesetz (EnEfG), das strenge Anforderungen für Rechenzentren einführte. Die Koalition aus CDU und SPD hat jedoch bereits angekündigt, das Gesetz überarbeiten zu wollen. Zwar sprach die Regierung nicht über konkrete Änderungen am Gesetz, aber ihr scheint ein genereller Ausbau von Rechenzentren wichtig zu sein. Das könnte dazu führen, dass sie die bestehenden rechtlichen Verpflichtungen lockert, und Umweltziele gegen wirtschaftliche und technologische Wachstumsinteressen abzuwägen.

Für die Gemeinden, die im Schatten des digitalen Brutalismus leben, stellt sich die Frage: Hat Europa überhaupt noch ambitionierte Nachhaltigkeitsziele, die in ihrem Alltag sichtbar werden? Oder ist „Nachhaltigkeit“ in der EU nur noch ein Feigenblatt, das von der unkontrollierten Ausbreitung von Rechenzentren ablenken soll?

Hinweis: In der ersten Fassung des Textes, die wir am 24. Juli 2025 veröffentlicht haben, hieß es in einem Satz, dass die Rechenzentrumsbranche in Deutschland in den letzten fünf Jahren nur um 0,1 % gewachsen sei. Dies war ein redaktioneller Fehler, da sich die Angabe auf das gesamtwirtschaftliche Wachstum Deutschlands im betreffenden Zeitraum bezieht. Wir haben diesen Teil des Textes am 25. Juli 2025 korrigiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Raluca Besliu

Former Fellow Algorithmic Accountability Reporting (2024-2025)

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Raluca Besliu ist eine rumänische Journalistin, die in Westafrika, Deutschland und den Vereinigten Staaten gelebt und gearbeitet hat. Sie hat mehr als 600 Artikel zu Themen veröffentlicht, die von Umweltfragen in Osteuropa bis hin zu Menschenrechtsverletzungen in afrikanischen Ländern reichen und in renommierten Publikationen wie der New York Times und Euronews veröffentlicht worden sind. Im Jahr 2024 arbeitete sie an einer Untersuchung über den Einsatz synthetischer Medien im Vorfeld der Wahlen zum Europäischen Parlament. Die in einer zweiteiligen Serie in Il Manifesto veröffentlichte Untersuchung deckte die psychologischen und sozialen Folgen von, die Deepfakes insbesondere auf Politikerinnen haben, auf. Außerdem trug sie zur Förderung des Austauschs von Wissen und zur Entwicklung von Kompetenzen im Bereich der Künstlichen Intelligenz innerhalb der journalistischen Gemeinschaft des Bosch Alumni Network (BAN) bei, einer Gemeinschaft von sozialen Changemakern, die von der Bosch-Stiftung unterstützt wird.

Aniket Narawad

Fellow Algorithmic Accountability Reporting (2024-2025)

Foto von Aniket Narawad
(c) privat

Aniket Narawad ist ein freier (Daten-)Journalist mit Arbeitsschwerpunkt in Berlin und Brüssel, der sich auf die Schnittstelle zwischen Technologieregulierung und den Umweltauswirkungen neuer Technologien spezialisiert hat. Er hat einen Ingenieursabschluss vom Indian Institute of Technology in Bombay und einen Master of Public Policy von der Hertie School of Governance in Berlin. Aniket hat Beiträge für führende Nachrichtenredaktionen wie Politico Europe, MLex Market Insight und die deutsche Nachrichtenagentur DPA verfasst. Seine Arbeiten wurden unter anderem in Al Jazeera, Thomson Reuters Context und Clean Energy Wire veröffentlicht. Vor seiner journalistischen Laufbahn arbeitete er als Datenanalyst im Bereich der öffentlichen Politik in Indien. Während seines Stipendiums hat Aniket sich mit Fragen der Nachhaltigkeit im Zusammenhang mit Rechenzentren in Deutschland und Europa befasst.

Anna Toniolo

Fellow Algorithmic Accountability Reporting (2024-2025)

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Anna Toniolo ist freiberufliche Journalistin aus Italien und Mitglied des FADA Collective. Ihre Arbeit konzentriert sich auf Ungleichheiten, Geschlechterfragen und Klimakonflikte. Sie analysiert, wie sich die Online-Sphäre auf Einzelpersonen und Gemeinschaften auswirkt. Ihre Artikel wurden in italienischen und internationalen Medien veröffentlicht, darunter L’Espresso, LifeGate, Green European Journal, The Daily Dot, EUobserver, The New Arab und anderen. Sie schreibt und moderiert „Veramente“, einen wöchentlichen Podcast, der sich mit dem Zusammenhang zwischen aktuellen Ereignissen und Desinformation befasst, und war die Stimme mehrerer Episoden von „News from Planet Earth“, einem von LifeGate produzierten Podcast zu aktuellen Themen. Ihre Arbeit wird vom Journalismfund Europe unterstützt.