Vielleicht gibt es gar keine KI-Blase
Obwohl KI-Unternehmen notorisch unprofitabel sind, fließt weiterhin viel Geld in Datenzentren. Wie war das noch mit der KI-Blase? Wenn sie partout nicht platzt, ist sie vielleicht gar keine. Vielleicht versagen bloß die klassischen wirtschaftswissenschaftlichen Erklärungsmuster.

Kalkül. Kürzlich haben wir eine Reihe von Artikeln über Datenzentren in Deutschland, Norwegen und weiteren europäischen Ländern veröffentlicht. Ich bin immer wieder fasziniert davon, wie viel Kapital in die Infrastruktur für ein Produkt investiert wird, nämlich generative KI, von dem noch gar nicht klar ist, ob es jemals profitabel sein wird. Manche Analysten sehen OpenAI schon nächstes Jahr bankrottgehen. Und trotzdem werden weiterhin Wälder gerodet, Grundwasserbestände ausgetrocknet und Tausende von Computerfarmen gebaut, die jede Menge Energie verschwenden.
Gibt es dafür historische Vorbilder? „Geschichte wiederholt sich nicht, aber wir können aus ihr lernen“, heißt es bei dem US-Historiker Timothy Snyder. Aus Sicht von Martin Schmitt, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Paderborn, ist die Datenzentrumsblase nicht einzigartig, sondern vergleichbar mit der Dotcom-Blase. Damals beanspruchten Datenzentren rund 1% des weltweiten Energieverbrauchs, und allein im Jahr 2000 steckten US-Investoren rund 100 Milliarden Dollar in die „new economy“. Eine ähnliche Summe konnten 2025 auch KI-Firmen in den USA einstreichen (obwohl man mit anderen Berechnungsmethoden zu anderen Ergebnissen kommt). Entsprechend könnte man vermuten, dass der KI-Boom genauso enden wird wie die Dotcom-Blase: mit atemberaubenden Verlusten.
Pfadabhängigkeit. Frank Uekötter, Professor an der Ruhr-Universität Bochum, wies mich allerdings darauf hin, dass man industriegeschichtliche Entwicklungen nicht einfach aufgrund oberflächlicher Ähnlichkeiten vergleichen kann, sondern dass man ihre Pfadabhängigkeit analysieren muss. Zurückliegende Ereignisse oder Entscheidungen können zukünftige Handlungsoptionen einschränken, sodass die Ergebnisoffenheit reduziert wird. Wieviel Entscheidungsfreiheit haben wir noch, nachdem Tausende von Datenzentren längst gebaut sind? Können sie noch zur Grundlage für eine ganz neue Art von Infrastruktur werden? Oder werden irgendwann nur noch Ruinen davon übrig sein, so ähnlich wie bei den olympischen Stadien, die rund um den Globus vor sich hin bröckeln?
Wenn KI hauptsächlich eine Blase ist, bleibt die Zukunft also ein unbeschriebenes Blatt. Die Ruinen der Dotcom-Ära haben sich schließlich auch als fruchtbarer Boden für alle möglichen Innovationen erwiesen, für emanzipatorische wie die Wikipedia oder Sci-Hub ebenso wie für eher problematische, ja repressive, wie etwa Überwachungs-Technologien. Und doch glaube ich, dass es sich mit dem derzeitigen KI-Investitionsfieber anders verhält.
Politische Indienstnahme. Mögen manche Nutzer*innen sie für ihre tägliche Arbeit auch brauchbar finden – als Konsumprodukt wird KI die immensen Kapitalinvestitionen wohl kaum wieder einspielen. Als Instrument staatlicher Verwaltung könnte die Technik jedoch noch Karriere machen. Schließlich verbindet der Autoritarismus, der derzeit in den USA, Argentinien, China, Russland und andernorts Konjunktur hat, ganz gezielt profunden Anti-Intellektualismus mit ausufernden Überwachungssehnsüchten. Generative KI bietet beides auf einmal: Sie entwertet die Arbeit von Wissenschaftler*innen und Künstler*innen, ja das kritische Denken überhaupt, indem sie suggeriert, große Sprachmodelle könnten dies alles ersetzen. Zugleich kann sie praktisch jede Form der Kommunikation durchleuchten, in Sprach- wie in Schriftform, und ganze Bevölkerungsgruppen zu permanenter Selbstkontrolle zwingen, dank unermüdlich mithörender „smarter“ Geräte sogar in den eigenen vier Wänden.
In diesem Szenario würden Datenzentren freilich auch in Zukunft weiter gebraucht. Wenn Investoren irgendwann zu dem Schluss kommen, dass die Nachfrage von Verbraucher*innen eher schwach bleibt, könnten Regierungen einspringen. Nicht um Jobs zu retten, sondern um ihre eigene Macht abzusichern.
Präzedenzfall. Die Gen-KI-Industrie wäre nicht die erste, die sich trotz eher mäßiger öffentlicher Sympathien durchsetzt. Bis in die 30er Jahre hinein wurden auch Autos in Europa als gefährlich angesehen, ja als Symbole der Verachtung wohlhabender Eliten für verarmte ländliche Gemeinschaften und Fabrikarbeiter, die beide unter Repressionen zu leiden hatten. (Es gibt kaum Forschung zu anti-automobilem Protest, aber Motorphobia von Uwe Fraunholz bietet einen guten Einstieg in das Thema.) Trotzdem gelang es den politischen und industriellen Eliten, unsere Umwelt nach und nach umzugestalten, indem sie Autobahnen bauten, steuerliche Anreize schufen und Alternativen aushöhlten, bis ein Leben ohne Auto nicht mehr nur unpraktisch, sondern strukturell (fast) unmöglich geworden war.
Eine ähnliche Dynamik entwickelt derzeit generative KI. Große Tech-Unternehmen integrieren sie auf immer tieferen Ebenen in ihre Produkte. Wenn Mobiltelefone, die heute im täglichen Leben unverzichtbar sind, generative KI erst in die Betriebssysteme eingebaut haben werden, wird es kein realistisches Opt-out mehr geben. Zugleich werden Regierungen weiter darauf drängen, dass die Technik in der öffentlichen Verwaltung, im Bildungsbereich und in anderen Feldern eingesetzt wird. Selbst wenn die KI-Blase irgendwann platzen sollte, werden die Datenzentren also weiterbrummen, wenn nicht als spekulative Investments, dann als integrale Bestandteile des digitalen Überwachungsstaats.
Dies ist ein Auszug aus dem Newsletter „Die automatisierte Gesellschaft“, einer zweiwöchentlichen Zusammenfassung von Neuigkeiten zur automatisierten Systemen in Europa. Hier abonnieren.
