Warum linke Parteien mit generativer KI fremdeln
Ich werde häufig gefragt, warum es nur wenige positive Visionen von KI gibt. Schließlich können Maschinen die Arbeit erträglicher machen und, vorausgesetzt, die sich aus ihrem Einsatz ergebenden Vorteile werden gerecht verteilt, zum Nutzen aller sein. Doch ganz so funktioniert generative KI leider nicht.

Ein Manifest. Fast auf den Tag genau zehn Jahre ist es her, dass die Wissenschaftler Nick Srnicek und Alex Williams, damals beide Anfang 30, ihr Buch Die Zukunft erfinden: Postkapitalismus und eine Welt ohne Arbeit veröffentlicht haben. Im Kielwasser der Brexit-Abstimmung kam das Buch als emanzipatives Manifest und Handreichung für linke Bewegungen daher. Es bekam tolle Rezensionen und wurde in fünf Sprachen übersetzt. Wahrscheinlich trug es auch ein bisschen zur Wiederbelebung linker Bewegungen in den letzten Jahren bei.
Schon auf dem Cover der englischen Originalausgabe plädieren die Autoren ausdrücklich für Automatisierung und Grundeinkommen. Müssten wir weniger arbeiten, so das Argument, bliebe mehr Zeit für erfüllendere Tätigkeiten. Und wenn wir lästige Aufgaben automatisieren könnten, ließe sich diese Vision ohne Abstriche beim Lebensstandard umsetzen. „Der Trend zur Automatisierung und zur Ersetzung menschlicher Arbeit ist etwas, das linke Politik aufgreifen, ja begrüßen und beschleunigen sollte.“ Na, ist generative KI nicht vielleicht genau das, worauf wir gewartet haben?
Umsetzung. Alex Williams arbeitet jedenfalls immer noch, nämlich als Dozent für Politikwissenschaft an der University of East Anglia. „Linke“ Automatisierung, sagt er, würde voraussetzen, „dass KI und andere Automatisierungstechnologien vom Staat oder einer überstaatlichen Institution einer demokratischen Kontrolle und Steuerung unterworfen werden.“
Das ist weit weniger radikal, als es klingt. Radio oder Fernsehen waren in Europa von den zwanziger Jahren bis in die späten Achtziger hinein quasi überall staatlich kontrolliert. Andere Technologien sind es noch immer, etwa die Kernenergie. Sollte generative KI tatsächlich so mächtig sein, wie ihre Apologeten behaupten, wäre es keinesfalls ungewöhnlich, sie staatlich zu kontrollieren.
Politik. Außerdem, sagt Williams, müssten sich politische Parteien des Themas beherzter annehmen, um eine solche Zukunft möglich zu machen. Bernie Sanders fordert in den USA eine Vier-Tage-Woche, finanziert durch eine sogenannte Robotersteuer. Und im Wahlprogramm der SPD zur Europawahl 2024 hieß es explizit: „Digitale Produktivitätsgewinne müssen zu Arbeitszeitverkürzungen für alle Beschäftigten führen“ (S. 38). Ein Jahr später, im Wahlprogramm für die Bundestagswahl, ist davon allerdings nirgends mehr die Rede. Auch Die Linke argumentierte noch zur letzten Bundestagswahl im März für „eine gerechte Verteilung des Wohlstands und der Gewinne aus Automatisierung, KI und Robotik“ (S. 58).
Vielleicht ist es kein Zufall, dass sich diese Forderung fast ganz am Ende des 60seitigen Wahlprogramms findet. Tobias Woelki, im Vorstand des Kreisverbands Potsdam der Linken und Digitalisierungsexperte der Partei, meint dazu, algorithmische Diskriminierung, algorithmisches Management und Überwachung seien einfach greifbarer, weshalb die Partei sich kommunikativ eher auf solche Themen konzentriert habe. In den letzten zwei Jahren, seien aber auch Eigentums- und Machtfragen im Zusammenhang mit der Digitalisierung verstärkt in den Fokus gerückt.
Produktivität. Ohnehin müsste KI erst einmal in der Lage sein, menschliche Arbeit tatsächlich zu ersetzen, bevor die Forderung, dass sie es auch tatsächlich sollte, Sinn ergeben würde. Zwar haben Millionen von Menschen Wege gefunden, generative KI sinnvoll für sich zu nutzen (ich zum Beispiel lasse mir ein bisschen bei der Recherche für diesen Newsletter helfen), aber menschliche Arbeit im großen Stil ersetzen, kann sie bislang offenkundig nicht. Im Gegenteil, europäische Statistiken zeigen, dass die Arbeitsproduktivität bis 2020 ständig zugenommen hat, seither aber wieder abnimmt.
Dennoch: Generative KI ist mehr als nur eine Maschine, die irgendwann – vielleicht – die Produktivität steigert. Sie ist ein komplexes techno-soziales System mit eigenen Machtdynamiken. Sowohl Buchautor Alex Williams als auch Linken-Politiker Tobias Woelki haben im Gespräch mit mir eingeräumt, dass eine linke Vision von KI von der Erkenntnis ausgehen müsste, dass die gesamte Industrie bislang hauptsächlich auf kommerziellen Gewinn aus war. Sollte die Technologie jemals Produktivitätsgewinne bringen, könnten diese auch kaum von den mit ihr verbundenen negativen Auswirkungen getrennt werden. Die Forderung, KI unter öffentliche Kontrolle zu stellen, macht für linke Parteien zwar Sinn, aber man sollte die Technik vielleicht nicht mit der Atomenergie vergleichen, sondern eher mit nuklearem Abfall.
Dies ist ein Auszug aus dem Newsletter „Die automatisierte Gesellschaft“, einer zweiwöchentlichen Zusammenfassung von Neuigkeiten zur automatisierten Systemen in Europa. Hier abonnieren.
