Was künstliche Butter mit künstlicher Intelligenz zu tun hat

Eine Werbung für Palmona, eine Marke von künstlicher Butter.
Dr. Nicolas Kayser-Bril
Head of Journalism

Letztes Jahr habe ich von der Uni Regensburg meinen Doktortitel erhalten. Meine Dissertation, die diesen Monat erscheint, beschäftigt sich mit künstlicher Butter im frühen 20. Jahrhundert. Das hat mit KI nichts zu tun? Vielleicht doch.

Ausbeutung. Es gab mal ein paar weiße, männliche Unternehmer, die sich über die gesamte Südhalbkugel hinweg vernetzt hatten, um sich die Arbeitskraft von Millionen Menschen anzueignen. Zugleich wurden in Europa und den USA avancierte Technologien entwickelt, um aus den Früchten dieser Arbeit ein Ersatzprodukt zu gewinnen, das dem Original täuschend ähnlich war. Manche Kritiker prophezeiten daraufhin bereits den Niedergang der gesamten Kultur.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Die Parallelen zwischen der künstlichen Butter des zwanzigsten und der künstlichen Intelligenz des einundzwanzigsten Jahrhunderts sind durchaus auffällig. Arbeiter, die keine andere Wahl hatten, bauten Öl- und Kokospalmen sowie Erdnüsse an. Dank der Wunder der organischen Chemie wurden diese Roherzeugnisse in Fabriken in ein Produkt verwandelt, das von echter Butter kaum zu unterscheiden war – später wurde es Margarine genannt. Heutzutage sitzen in denselben Ländern Menschen, die wieder keine Alternative haben, vor Computerbildschirmen und verfassen Textpassagen oder labeln Fotos. Dank der Wunder moderner Informationstechnologien werden diese Trainingsdaten genutzt, um neue Texte und Bilder auszugeben, die ihrerseits von menschengemachten Artefakten kaum zu unterscheiden sind.

Alternativen. Die Geschichte der sogenannten „künstlichen Butter“ ist heutzutage weitgehend in Vergessenheit geraten. Vor hundert Jahren jedoch stellte die neue Erfindung für Millionen von Menschen ein günstiges Nahrungsmittel und eine verlässliche Fettquelle dar. Echte, aus Kuhmilch hergestellte Butter hätten die meisten Menschen sicherlich vorgezogen. Das künstliche Ersatzprodukt war nicht besser, sondern bloß billiger.

Heutzutage setzen Millionen von Menschen Chatbots ein – häufig für Anforderungen, mit denen Große Sprachmodelle (Large Language Models, LLM) durchaus überfordert sind. Britische Teenager holen sich von einer KI psychologische Unterstützung, junge Polinnen lassen sich von ChatGPT gynäkologische Ratschläge geben. Das geschieht nur halb freiwillig: Psychologen und Gynäkologen sind in der näheren Umgebung oft Mangelware, kosten zu viel oder genießen nicht genug Vertrauen. Auch heute ist der künstliche Ersatz für die meisten Nutzer*innen nicht unbedingt die beste Wahl, sondern nur die beste aller schlechten Alternativen.

Künstlichkeit. Vor hundert Jahren war die Situation ziemlich ähnlich. Verbraucher*innen kauften Millionen von Tonnen künstlicher Butter, während Journalisten und Politiker sich bemüßigt fühlten, die echte Butter als kulturelle Errungenschaft und Nationalsymbol zu verteidigen. Es gab sogar Unternehmer, die Maschinen anboten, mit denen man angeblich künstliche von echter Butter unterscheiden konnte – mit zweifelhaften Ergebnissen. Den Kampf gegen das Ersatzprodukt zu verlieren, schien die moralische Integrität ganzer Nationen zu gefährden.

Auch heutzutage ist vielen Studierenden vermutlich durchaus bewusst, dass sie wenig lernen, wenn sie eine Studienaufgabe mit Hilfe eines Chatbots bearbeiten. Aber sie wissen auch, dass es bei ihrem Studium am Ende eher auf die Abschlussnote ankommt als auf den tatsächlichen Lerneffekt. Genau wie viele andere Menschen wissen, dass Large Language Models oft nur Bullshit ausspucken – aber eben die Art von Bullshit, der auch von ihnen selbst erwartet wird.

Unterschiede. KI und KB (hier nicht für Kayser-Bril, sondern für Künstliche Butter) unterscheiden sich vor allem in den politischen Reaktionen, die sie hervorriefen. Als deutlich wurde, dass Verbraucher*innen nicht freiwillig auf künstliche Butter verzichten würden, folgten die damaligen Machthaber dem Rat der gesellschaftlichen Eliten und gingen mit drastischen Maßnahmen gegen das Produkt vor. In einigen Ländern wurde der Verkauf quasi untersagt, so etwa in Frankreich ab 1897. Andernorts wurde zumindest die Bezeichnung „künstliche Butter“ sanktioniert. Das Zeug musste fortan „Margarine“ heißen.

Nachdem Sojaschnitzel seit Neuestem nicht mehr Schnitzel genannt und Hafermilch nicht mehr Milch heißen darf, wäre eigentlich auch ein neuer Name für Künstliche Intelligenz angezeigt, um Verbraucher*innen vor einer ungewollten Verwechslung mit menschlicher Intelligenz zu schützen. Wie wäre es mit „MargAIrine“?


Dies ist ein Auszug aus dem Newsletter „Die automatisierte Gesellschaft“, einer zweiwöchentlichen Zusammenfassung von Neuigkeiten zur automatisierten Systemen in Europa. Hier abonnieren.