Name zu kurz, Registrierung ausgeschlossen: Diskriminierende Online-Formulare

Eine neue Unding-Umfrage geht Problemen mit Online-Formularen auf den Grund, da deren Voreinstellungen oft Menschen ausschließen. Seitdem ein Rentner mit einem der gewöhnlichsten Namen der Welt diese Erfahrung macht, lässt er den Betreiber·innen der Websites keine Ruhe.

Als im Juni 2013 ein Bitcoin noch um die 50 Euro kostete, gab es in Deutschland nur eine Anlaufstelle, um sich die Kryprowährung zu beschaffen: die Website Bitcoin.de. 

Das zur Kryptobörse gehörige Büro befand sich damals in Nordrhein-Westfalen, im heimeligen Herford. 2015 tauchte ein Reporter vom Handelsblatt dort auf, um sich den Server zeigen zu lassen, über den Tag für Tag die Transaktionen abgewickelt wurden. Der Bitcoin.de-Gründer Oliver Flaskämper hatte allerdings etwas dagegen. 

Die Funktionsweise von Bitcoin.de war zwei Jahre zuvor auch dem IT-Berater Clemens Li verschlossen geblieben. Als die Zeitungen sich mit Berichten über Bitcoins überschlugen, machte er sich schlau und entschied, dass eine Investition sich lohnen würde. Er kam aber nicht weiter als bis zum Online-Anmeldeformular, das seinen Nachnamen nicht annahm.

„Schade eigentlich, ich wäre heute ein reicher Mann“, findet Li. Er ist 67 und bereits im Ruhestand. Eines lässt ihn aber nach wie vor nicht los: „Ich hatte in meinem Leben mit einer Menge miserabler Software zu tun. Die Leute, die sowas schreiben, haben einfach keine Ahnung. Da muss man wachsam bleiben.“ 

Gesagt, getan. Li beschwerte sich im Juni 2013 bei Bitcoin.de. Doch bekam er niemanden zu fassen. Besagter Handelsblatt-Reporter berichtete später, dass kaum Angestellte im Bitcoin-Büro arbeiten, „weil das meiste automatisch abläuft“. Und so musste auch Herr Li sechs Monate lang warten, bis er am 20. Dezember 2013 per Mail eine Antwort vom Support erhielt. Der Kundenbetreuer bat ihn, sich als „Li.“ (mit einem angehängten Punkt) zu registrieren, „da unser System zwingend drei Buchstaben vorschreibt“. Li lehnte das ab.

„Ich habe in den letzten 30 Jahren wiederholt Probleme mit meinem für einfache Gemüter etwas kurz geratenen Nachnamen gehabt”, erklärt Herr Li. Nach seiner Heirat 1989 in Shanghai nahm er den Namen seiner Frau an, als sie zusammen nach Deutschland zogen und ihr erstes Kind geboren wurde.

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Im März 2020 hatte das neugegründete Unternehmen EWE Go die Idee, E-Scooter kostenlos an „systemrelevante“ Mitarbeiter·innen der Stadt Oldenburg zu verleihen, wo auch Herr Li lebt. Im Juni versuchte er, sich für diese App zu registrieren, aber auch diesmal nahm das Formular seinen Nachnamen nicht an.

Wieder schickte Herr Li eine Beschwerdemail los. Ende Juli bekam er von EWE Go eine Antwort, in der stand: „Vielen Dank für Dein Feedback. Den Fehler werden wir schnellstmöglich in unserer App beheben.” Zwei Wochen später kam allerdings eine andere Mail an: „Hallo Clemens, entschuldige bitte, leider haben wir mit dem Dienstleister noch keine endgültige Lösung erarbeitet. Bitte trage im Feld ‘Nachname’ Deinen Vor- und Nachnamen ein.”

Wieder sah Herr Li nicht ein, warum er seinen Namen falsch eingeben sollte. Stattdessen schrieb er den Entwickler·innen eine Mail, in der er ihnen Rassismus vorwarf: „Sie diskriminieren ein Viertel der Menschheit.“ (Li ist einer der geläufigsten Nachnamen der Welt, 100 Millionen Menschen tragen ihn.) Herr Li schrieb auch dem Softwareprovider Buhl Data eine Mail. Darin wollte er wissen, wann dessen System endlich eine Registrierung mit einem Nachnamen zulässt, der weniger als drei Buchstaben hat: „Es ist doch nicht schwer, Fehler in Anmeldeformularen zu beheben.“ 

Aber Herr Li kennt das eigentliche Problem. Ingenieure testen Software oft nur mit ihren eigenen Daten, bevor sie eingesetzt wird. „Und dann antworten sie nicht mal auf Mails von Menschen, die ihnen sagen, dass sie die Software nicht benutzen können. Wenn ihnen das wurscht ist, dann ist das Diskriminierung.“ Um sein Anliegen zu untermauern, summt er die Melodie von „Der Nippel“, Mike Krügers Gaga-Gassenhauer über die Tücken der Moderne, in der selbst einfache Dinge kompliziert werden.

Im Oktober 2020 schrieb der Senior Manager von EWE Herrn Li eine Mail. Darin informierte er ihn darüber, dass das Online-Anmeldeformular den Nachnamen Li inzwischen akzeptieren würde. Aber damit nicht genug. Er hängte auch einen Artikel über die Antidiskriminierungsarbeit von EWE an und erklärte: „Ich melde mich noch einmal bei Ihnen, da wir uns als EWE klar gegen Rassismus und Diskriminierung jeglicher Art einsetzen! Weitere Informationen, wie EWE hier aktiv ist, finden Sie beispielsweise in diesem Artikel. Diese Klarstellung ist mir sehr wichtig, da ‘Rassisten’ ein extremer Vorwurf ist, dem wir vehement widersprechen!“

Der Bitcoin-Kurs liegt gerade bei 36.993 Euro und Herr Li hat wieder einen Erfolg zu verzeichnen. Er konnte auf eine falsche Darstellung im Online-Kalender einer Impfkampagne in Hamburg aufmerksam machen. Der Fehler wurde inzwischen behoben.

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Josephine Lulamae

Reporterin

Photo: Julia Bornkessel, CC BY 4.0
Josephine Lulamae ist Reporterin und Redakteurin bei AlgorithmWatch. Davor arbeitete sie als Rechtsanwaltsgehilfin und Journalistin in Berlin, Bristol und Mytilene. Ihre Arbeit wurde unter anderem in The Daily Beast, Coda Story, The New Republic, Gizmodo, Popula, Slate und Quartz veröffentlicht. Sie hat einen Abschluss in Jura von der BPP University und einen Bachelor-Abschluss in Philosophie von der Cambridge University.